Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1881)
- Date
- 1881-01-12
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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45 Ein ähnliches Verfahren wurde auch nachher bei der beobachtet, auf welche Herr Lautenschläger ein Monopol hat, sowie beim Gebete für den Landesfürsten. — Die nia-o vor und nach der mosn wurden nämlich ganz in der allgemein üblichen Weise ebetet, von der musn selbst aber nur eine recht ölzerne Verdeutschung — ich glaube, die von Philippson — vorgetragen. Während dieses Vortrags verließ gewiß der vierte Theil der Synagogenbesucher unter überaus geräuschvollem Thürezuschlagen die Synagoge, um durch eine ungezwungene Conversation auf dem Synagogenhofe sich von den Strapazen des zu erholen und sich für diejenigen von »pio schon im Voraus zu stärken. Als mir Nachmittags der Herr Vorsteher wieder von der Würde und Weihe declamirte, die mit den deutschen Gebeten in die Synagoge unfehlbar einziehen würden, erinnerte ich ihn an das Hasenpanier, welches das Gros der Gemeinde bei der deutsch vorgetragenen Hafthorah ergriffen hatte, und das half. Seitdem hat der Herr Vorsteher mir gegenüber dieses Project nicht wieder zur Sprache gebracht, Daß das deutsche Gebet für den Landesfürsten, ein Elaborat des seligen Herrn Bezirksrabbiners, sich an Tiefe und Innigkeit des Jnhals mit unferm nynsm ]mn nicht werde messen können, habe ich vorausgesetzt. Daß es aber so glatt und sade sei, als es wirklich ist, habe ich nicht für möglich gehalten. Aber alle Platitüden und Fadheiten haben mich nicht so verdrossen, als die Pfuscherei, die an dieses Machwerk salbungsvoll zum Schluffe die Worte hängt: (On x3'. Eine Unterredung, die ich nach der Synagoge mit Herrn Waldberg darüber hatte, bestätigte vollkommen meine Vermuthungen über die Genesis des ganzen Gebahrens. — Als vor circa 25 Jahren mein Amtsvorgänger der Gemeinde die Segnungen seiner Reformweisheit aufoctroyren wollte, erhoben sich einige gewichtige Stimmen dagegen , die absolut die von den Vätern überkommenen Weisen nicht angetastet wiffen wollten. Da legte sich der ehrwürdige Eiferer auf's Pactiren. — Aenderungen müßten eingefübrt werden, der Geist der Zeit verlange es, man wolle aber Denjenigen, die von der starren Form sich nicht lossagen können, gerne Concessionen machen. — Ein Gebet für den Landesfürsten in einer andern, als in der Landessprache, fei ein Unding, aber man wolle den Stockstabilen gerne den Vau N3T lassen; Ende gut Alles gut, sei ja ein bekanntes, erprobtes Sprichwort. Die müsn müsse in deutscher Sprache vorgetragen werden, aber die r>'3->3 vor- und nachher mögen gerne als Concession den Orthodoxen belassen .bleiben. Talmudischer als der Talmud würden diese doch nicht sein wollen. Wenn aber der Talmud das Buch Koheleth pasfiren ließ, weil sein Anfang und Ende mm '->3i enthielte, so wäre auch die Haftarah statthaft, wenn ihr die alten beibehaltenen no-o vorangingen und folgten. Die deutsche Haftarah sei zwar für einen Stockorthodoxen eine bittere Pille, aber durch die n-3-'3 von allen Seiten verzuckert, sei sie vollständig annehmbar. Der ma 33 vertrage sich durchaus nicht mit unserem Rechtsbewußtsein, aber man wolle am Versöhnungstage am Wenigsten ein orthodoxes Gemüth ' und Gewissen verletzen. Da aber der ma 33 absolut nicht salonfähig ist, man sich aber andererseits keinen Kol-Nidre-Abend ohne ma 33 denken könne, so hat man — ich glaube au§ beut Gebetbuch — eine fade Salbaderei eingeführt, die mit den Worten ma i>3 anfängt, aber mit dem in allen jüdischen Kreisen heimischen ma ^3-Gebet auch nicht einen einzigen Gedanken gemeinsam hat! Das deutsche „Lernen" und den jüdischen m N’tppy p nojn hat erst Herr Lautenschläger aus Münster mitgebracht, so schloß Herr Waldberg seine Erzählung, und knüpfte noch einige recht drastische Bemerkungen an dieses Verfahren. Auf diese Weise hat man den Geist des Abfalls und der Pietätlosigkeit gegen das Vätererbe in diese einst fromme Gemeinde getragen. In der Synagoge wurde die Giftsaat gesäet und draußen im Leben ging sie auf und hat ein ganzes Gemeinwesen so vollständig dem überlieferten Judenthum entfremdet, daß kaum mehr Hoffnung auf eine Wendung zum Besseren vorhanden ist. Da, wo das Nebel begonnen, da muß chm zuerst entgegen getreten werden. Deshalb wandte ick meine Aufmerksamkeit zunächst den Mißbräuchen zu, die sich in die Synagoge eingeschlichen hatten, obwohl sie im Vergleich zu dem weitschichtigen Abfall, der sich im practischen täglichen Leben vollzieht, geringfügig und jedenfalls sehr untergeordneter Art sind. — Ich habe daher dem Hattenfelser synagogalen Ritus noch ein weiteres Tagbuchblatt gewidmet. .-.um# iö*r .<iü\ nr^ «Iot) . t>/J -