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Der Israelit · 1881-01-12 · Heft 2 (12.1.1881) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 2 (12.1.1881)
Date
1881-01-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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36 Universität abhängt. Heute war nun das Interesse ein doppeltes: erstens war es der Abschiedscommers, der Vorläufer des am folgenden Abende stattfindenden Studentenballes, der schon wochenlang die Finger jeder ballsähigen Tochter in Bewegung setzte, der schon vor Wochen die Mutter zu ernster Prüfung der Stoffe aufgefordert und dem Vater manchen Seufzer entlockt hatte, wenn er unter dem arbeitenden Finger der Tochter, dem prüfenden Blicke der Mutter seine Börse zusehends abmagern sah. Wie sollten da nicht die Herzen hoch schlagen, da der bedeutungsvolle Abend schon so nahe herangerückt war, dessen Prolog heute in Scene gesetzt wurde? Aber noch ein Zweites war es, das die Bedeutung des gegenwärtigen weit über die Bedeutung eines gewöhnlichen Abschiedscommerses emporhob. An dem betreffenden Orte befand sich eine geschlossene Gesellschaft, „Harmonie" genannt, die grundsätzlich die Ausnahme von Juden ausschloß. Die meisten Corpsstudenten waren Mitglieder dieser Gesellschaft, so daß man es für ziemlich selbstverständlich ansah, daß der Eintritt in ein Eorps oder eine Verbindung den Eintritt in die „Harmonie" zur Folge hatte. Während man bisher jedem Studenten ohne Weiteres auf seine Anmeldung hin die Mitgliedkarte zusandte, war im vergangenen Winter einem Angehörigen des Eorps der „Nhenania auf seine Anmeldung hin ein ablehnender Bescheid zu Thcil geworden. Der Student, der sich die Versagung der Aufnahme nicht erklären konnte, begab sich selbst zum Vorsitzenden der Gesellschaft, ihn um Aufklärung zu bitten, der ihm denn auch zu dessen größter Ueberraschuna auseinandersetzte, daß sein Name Kohn die wohl nicht ungerechtfertigte Annahme, Petent sei Jude, bei löblichem Vorstande habe aufkommen lassen und man, allerdings zum größten Bedauern, daraufhin den ablehnenden Bescheid habe geben müssen, weil statutengemäß Juden nicht aufgenommen werden könnten. Auf eine derartige Begründung war der junge Mann nicht vorbereitet; es kam ihni dies so überraschend, daß er nichts Besseres wußte, als sich eilfertig zu empfehlen. In der „Rhenania" machte dieser Fall gerechtes Aufsehen, man beschloß, die Kränkung, die ihr Mitglied erfahren, zu einer die ganze Studentenschaft betreff. Angelegenheit zu machen, berief eine Studentenversammlung, in welcher der Vorschlag eines gemeinsamen Austritts der der „Harmonie" angehörenden akademischen Bürger zur Discussion gestellt wurde. Fast einstimmig wurde dieser Vorschlag angenommen, das Corps „Limburgia" behielt sich jedoch einen endgiltigen Entschluß noch vor, da man innerhalb der Verbindung noch einmal darüber berathen wollte. Hier war es nun der Senior, welcher mehr durch Rauflust als durch besondere Geistesanlagen hervorragte, der die Verbindung zu einem ablehnenden Beschluß veranlaßte. Vorstellungen seitens oer anderen Verbindungen, sich der Majorität anzuschließen, fruchtete nichts, und so löften die übrigen Corps mit der „Limburgia" das Cartellverhältniß und sprachen über sie die Exclusion aus. War diese Verbindung jetzt durch die unerwartete Ausschließung bereit, der Mehrheit sich zu fügen, so wollte man andererseits von einer Wiederaufnahme der Beziehungen nichts wissen, bis man den Urheber der Wirren, jenen Senior, der bei diesen Verhandlungen auch Worte wie „Judenjunge, Judenbengel" sollte fallen gelassen haben, aus der Verbindung ausgewiesen hätte. Darauf aber wollte oder konnte man sich nicht einlassen, und so blieb es bei dem ersten Beschluß. Eines Tages jedoch war der Senior aus der Stadt verschwunden; es konnte sich Niemand den Grund der heimlichen Entfernung erklären: Schulden hatte er trotz seines lockern Lebens keine — woher er die Mittel zur Bestreitung aller seiner nobeln Passionen nahm, wußte Niemand — man munkelte viel hin und her, sich die Flucht zu erklären, man sprach von einem Vorkommnis; im Hause des Regierungspräsidenten, zu dem der Student sich Zutritt zn verschafft gewußt, und bei dem er dann ein beliebter Gast geworden war, man rieth hin und her, aber Niemand wußte etwas. Dies gab nun der „Limburgia" wieder die Gelegenheit, mit der Studentenschaft in Verhandlungen um Aushebung des Ausschlusses wiederum einzutreten, die dann den gewünschten Erfolg halten. Der Abschiedscommers sollte mm zugleich eine Aussöhnungsfeier sein, indem die Mitglieder der „Limburgia" zum ersten Male wieder bei einer studentischen Feier erschienen. Und sie war glänzend die Feier, glänzend durch die wirklich herzliche Freude, die sich auf allen Gesichtern malte, durch den heitern überschäumenden Humor, wie er nur aus einem glücklichen Herzen hervorsprudeln kann, der sich heute Abend geltend machte. Ein lebhaftes, farbenreiches Bild, die jugendlichen Gestalten mit ihren bunten Binden, das bunte Cerevis keck auf das Haupt gestülpt immerfort singend, trinkend, jubilirend. Manchmal war eine Pause, um die humoristische oder ernste Ansprache eines Kollegen mit anzuhören, dann donnernde Hochs, emporgetragen auf den brausenden Wellen der Tuschblasenden Instrumente. Dazu nun der in allen Farben prangende mit Guirlanden decorirte Saal, an dessen Wänden die Farbenschilder der einzelnen Verbindungen von Rappieren umkreuzt, auf den Beschauer herabblicke, so tritt uns da ein Bild entgegen, dem an munterer schillernder Lebendigkeit nicht so leicht ein anderes gleichkommt.

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