Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1881)
- Date
- 1881-01-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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37 Die Feier geht aber nun bald zu Ende. Jetzt wird mit kräftiger Kehle der „Lanoesvater" angestimmt, die Kappen regelrecht durchstochen. Ein kräftiger Salamander zum Schluß, da schlägt es vom nahen Thurme zwölf. Der Festpräsident erhebt sich, die mit Stulpenhandschuhen bekleideten Hände erhoben den Schläger, drei Schläge auf den Tisch, alles schweigt, und das senore „finis convivii, inictium fidelitatis!“ reißt den letzten Damm, welchen noch der strenge Comment der aufbrausenden Lust entgegengestellt hatte, ein, und es wogt und wirbelt durcheinander wie die Wellen des in seinen Tiefen aufgeregten Meeres, froh, jeden Zwang von sich abgestreift zu haben und dem Gefühle der Lust sich ganz hingeben zu können. Ein kräftiges Hornsignal von der Musiktribüne ruft augenblicklich Ruhe hervor, die so bewegten Massen sind im Nu zum Stillstände gebracht, und der Senior der „Rhenania" erhebt sich, auf einige Minuten sich Gehör erbittend. „Liebe Freunde und Commilitonen!" begann er, „gestattet mir noch, bevor wir heute Abend auseinandergehen, einige Worte, die hier öffentlich das Gefühl der Freude ausdrücken sollen, das wir empfinden über den wiederhergestellten Frieden in der hiesigen Studentenschaft. Ein trauriges Vorurtheil, ererbt aus finsterer, vergangener Zeit, das den Menschen um seines Bekenntnisses willen aus der Gesellschaft ausweisen will, hat die Ursache zu einer Zerklüftung gegeben, die wir die ganze Zeit hindurch, die sie gewährt, am meisten bedauert haben. Wir haben uns Gottlob wieder zusammengefunden; wie sehr wir aber die mittelalterliche Verfolgungssucht verdammen, dafür laßt uns ein Zeugniß ablegen, indem wir jener Gesellschaft, die durch ihren berüchtigten Paragraphen den alten Haß noch pflegt und dadurch den ersten Anstoß zu einem Zerwürfniß unter uns gegeben hat, ein kräftiges „Pereat" bringen!" „Pereat, Pereat!" schrie es aus allen Kehlen. Nachdem sich der Lärm gelegt hatte, fuhr der Redner fort: „Uns vor allem geziemt es, die Ideen der Humanität zu pflegen und für deren Verbreitung Sorge zu tragen. Wir sind berufen, einstens im Leben zu wirken als leitende Männer, geloben wir es in dieser Stunde, die wir bereits die traurigen Folgen unduldsamen und lieblosen Wesens erfahren haben, in jeder Stellung, in welche uns das Leben rufen wird, die Menschenliebe hoch zu halten und die mittelalterliche Unduldsamkeit zu bekämpfen. Die wahre Humanität lebe hoch!" „Hoch!" ertönte es anhaltend als Echo von den Zuhörern zurück. Nur kurze Zeit währte noch das wieder zur neuen Lust zurückgekehrte Leben, die Zeit mahnte zum Aufbruch, und die stillen Straßen wurden belebt von den heimkehrenden, singenden Musensöhnen. Kohn, der als Mitglied der „Rhenania" die Schlußfeier mitgemacht hat, schloß sich dem allgemeinen Zuge nicht an, er hatte seinen Senior unten auf der Straße bei Seite gezogen und drückte ihm freundlich die Hand: „Ich danke Dir," sagte er, indem ihm Thränen über die Wangen rollten, „für Deine freundlichenWorte, sie waren gut gemeint; ich fürchte aber, daß viele, die oben im von Freude und Trunk erhitzten Gefühle ein Gelöbniß abgelegt haben, im Leben ihr Wort bald vergessen werden Nun, was schadet's, wenn Dein zündendes Wort auch nur in Wenigen sür's Leben nachhaltig wirkt; Du — dessen bin ich sicher — Du treuer guter Kamerad, wirst Deinem Worte treu bleiben." ..Du bist bewegt, lieber Kohn, ich verstehe dich wohl, Deinen Schmerz und Deine Furcht; doch es wird besser werden, es kann ja nicht fehlen, daß die Menschen einmal zur Einsicht kommen. Nur Muth und Zuversicht, guter Junge! Wir bleiben Freunde, wir wollen nicht umsonst hier Freundschaft geschlossen haben." „Habe Dank, Arno, für Deine tröstenden und erhebenden Worte; bei Deinen verwandtschaftlichen Beziehungen wirst Du zu Einfluß im Staate gelangen, und wenn ich je von Deiner mir zugesichertcn Freundschaft Gebrauch machen werde, so wird es nur dann sein, wenn ich in die Lage kommen sollte. Dich zum Beschützer und Fürsprecher einer von Neid vielfach verfolgten Minorität anrufen zu müssen." „Ich habe Dir gesagt: wir bleiben Freunde; ich werde niemals vergessen, was ich Dir Alles verdanke. -" „Sprich nicht daon," unterbrach ihn Kohn, „was ich gethan, war Menschen- und Kollegenpflicht, Du hättest an meiner Stelle gerade ebenso gehandelt." „Nun gut, lassen wir's, aber um auf etwas anderes zu kommen, Du willst den Ball morgen nicht mitmachen?" „Nein, ich habe meine Sachen bereits fertig gepackt und gehe nur nach Haus, um mich umzukleiden: mit dem ersten Zuge morgen früh reise ich, um morgen Abend zu Hause zu sein. Grüße die Kollegen von mir; ich habe mich von jedem bereits verabschiedet, keinem aber die Zeit der Abreise mitgetheilt, weil ich kein Freund Aufsehen erregender Abschiedsovationen bin. Lebewohl! Werden wir von einander hören?" „Gewiß, lieber Freund, wenn Du es nicht fehlen läßt. Lebewohl!" Noch ein herzlicher Händedruck, und die beiden Freunde trennten sich. (Fortsetzung folgt.)