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Der Israelit · 1881-01-12 · Heft 2 (12.1.1881) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 2 (12.1.1881)
Date
1881-01-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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31 Fremde geführten Brüder und Schwestern. Vierhundert edle Jünglinge und vierhundert edle Jungfrauen, welche nach Rom geführt werden sollten, um den Lüsten der römischen Wollüstlinge zu dienen, haben es vorgezogen, den Tod in den Wellen des Meeres zu suchen und zu finden. Die Helden unseres Volkes müssen in Rom mit den wilden Thieren kämpfen, um dem entmenschten Pöbel ein blutiges Schauspiel zu geben. Wir in Judäa Zurückgebliebenen find wehrlos der Gewalt des Römers preisgegeben. Wann wird das Ende unserer Leiden kommen?" „Wir selbst," sagte Papus, „haben alle diese Leiden verschuldet." „So ist es," sprach Horkinas, der Gutsnachbar des Hausherrn. „Gott hat uns gestraft um unserer Sünden willen." „Nicht also," entgegnete Papus. „Wenn ich sage, daß wir selbst unser Unglück verschuldet haben, so'meine ich damit, daß wir Unrecht daran thun, anders und mehr sein zu wollen als alle Völker der Erde. Vielleicht ist die Zerstörung des Tempels in Jerusalem ein Glück für uns, wenn wir uns nunmehr entschließen, unsere Sonderheiten und Eigenthümlichkeiten aufzugebe». Der jüdische Staat hat aufgehört zu existiren. Wir haben keinen König mehr und keinen Hohenpriester. Deßhalb sollen wir uns bemühen, ganz aufzugehen in das große römische Weltreich." „Meinst Du," fragte Kalba Sabua, „daß wir Götzendiener werden sollten?!" „Nicht doch," entgegnete Papus, „ich verabscheue die Götzen Edoms, und ich würde lieber sterben, ehe ich einen Stein werfen möchte nach dem Mercur, wie es ihr thörichter Götzendienst erheischt. Aber es gibt tausend andere Dinge, in Bezug auf welche wir unsere Eigentümlichkeiten abstreifen könnten. Den Glauben an den einzigen Gott müssen wir sesthalten und im Uebrigen müssen wir Römerwerden." Eine peinliche Stille trat ein; man verstand nicht recht, was Papus sagen wollte, und deßhalb erwiderte ihm Niemand. Da erhob sich Rahel und sprach: „Gestatte mir, o Gastfreund meines Vaters, daß ich Deiner Rede entgegentrete. Zwar bin ich nur ein unwissendes Mädchen, dem es vielleicht nicht geziemt, in Gegenwart erfahrener Männer seine Meinung auszusprechen; ich dachte, betagte Männer mögen reden; allein da ich sehe, daß sie Dir gegenüber schweigen, so muß ich wohl meine Gesinnung aussprechen. Wie, Papus, Du verlangst, Israel soll seine Eigentümlichkeiten aufgeben im Strome der Völker, soll nichts sesthalten als den Glauben an den einzigen Gott und im Uebrigen werden wie die Nationen rings umher? Das sei ferne von uns! Durch die Zerstörung des Heiligthums, durch die Auflösung der Bande der Nationalität ist Israels Zukunft nicht zerstört worden. Wir sind und bleiben das Volk Gottes, das Er aus Aegypten erlöst hat, die Nachkommen Abrahams Seines Freundes, die Kinder Jizchaks, der sein Leben hat hingeben wollen für Gott, die Sprößlinge Jakobs, den Gott dem Esau hat vorgezogen. Und wenn uns Rom Alles geraubt hat — die Lehre unsres Gottes hat es uns nicht nehmen können. An diese müssen wir uns um so enger anschließen, da das Heiligthmn in Trümmern liegt und kein Opfer unfern Sünden Sühne bringt. Wie, wir sollten «blassen von dem ewigen Leben, das Gott gepflanzt hat in unsere Herzen, wir sollten uns mischen unter die Völker ringsumher, sollten für die hohen Tugenden, die Gott uns zum Erbe gegeben hat, die Laster der Heiden eintauschen? Wenn wir auch durch unsre Sünden den Fall des Heiligthums verschuldet haben, so haben wir deßhalb nicht ausgehört, das erwählte Volk Gottes zu sein, und wenn wir unserm Vater im Himmel treu bleiben, so wird Er uns wiederum unsere Zukunft glücklich gestalten. Ist nicht der heilige Tempel schon einmal gefallen? Damals war es schlimmer als jetzt. Der mächtige Nebnkadnezar trieb unsere Voreltern gewaltsam hinweg aus diesem Lande, und die Wenigen, welche zurückbleiben durften, mußten bald darauf entfliehen. Damals lag Judäa verödet, bis sich Gott wieder Seines Volkes erbarmte und uns hierher zurückführte. Wer waren damals die Retter Israels? Etwa die abgefallenen Priester und Propheten? Nein, die treugebliebenen Pfleger der heil. Lehre, Serubabel und Josua, Esra, Nechemia und ihre Genossen. Auch uns wird nur in der sorgfältigsten Pflege der Gotteslehre und in der strengsten Beobachtung ihrer heiligen Vorschriften das künftige Heil erblühen." Voll Stolz und Freude schaute Kalba Sobua auf seine in Begeisterung erglühende Tochter. Papus aber sprach: „Und Du, o Jungfrau, begeisterst Dich für das Studium der Lehre, von dem Dein Geschlecht Dich ausschließt!" „Wenn ich auch", entgegnete Rahel, „mich der Erforschung der Hnündlichen Lehre nicht widmen darf, so bleibt uns Frauen doch die hohe Aufgabe, die Männer und Jünglinge dafür zu gewinnen und die Kinder für sie zu erziehen." „Ich fürchte", sagte Papus, „Du ergehst Dich in Träumereien, welche Dich der Wirklichkeit entfremden. Das römische Reich ist ein anderes als das des Nebukadnezar. Die Römer haben die Pflege der Künste und der Wissenschaften von den Griechen gelernt und in sich ausgenommen. Ihre Philosophen

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