Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1881)
- Date
- 1881-01-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 verwerfen die Anbetung der Götzen, wie Wir es thun. Plato und Aristoteles glaubten nicht an die Götter des Olymp. Die griechische Philosophie gewährt dem Menschen die Freiheit, nur das zu thun und zu glauben, was er als vernünftig erkannt hat. Wer die erhabenen Wahrheiten dieser großen Denker ausgenommen, der kann sich in allen Lagen des Lebens zurecht finden; er ist der einzige Freie; er wird die äußere Form der Dinge von dem Wesen derselben scheiden. So will ich denn auch für mein Volk nur den Kern der Gotteslehre, den Glauben an den einzigen Gott, festgehalten wissen. Im Uebrigen mag ein Jeder sein Thun und Denken den Verhältnissen anpassen." „„Und meinst Du, der Glaube an den einzigen Gott könnte erhalten werden und könnte uns zum Gottesvolke machen ohne das Gottesgesetz?"" „Rahel hat Recht", nahm der alte Horkinas das Wort. „Wir Juden müssen Juden bleiben, das steckt schon in unserm Blute, und wenn einmal ein Geschlecht sich von der Gotteslehre abwendet, so kehrt das folgende mit um so größerer Luft zu dem alten Erbtheile Israels zurück. Ich kann davon ein merkwürdiges Beispiel erzählen. Mein Vater, sein Andenken sei gesegnet, war ein frommer, heiliger und gelehrter Mann. Er war ein Schüler des großen Hillel. Sein größter Kummer war, daß ich, sein einziger Sohn, mich nicht der Erforschung der Gotteslehre widmen mochte. Mein Vater hatte die Verwaltung unserer Güter vernachlässigt, er hatte ja nur Sinn für das Studium der Thora und für die sorgfältigste Erfüllung aller religiösen Vorschriften; ich dagegen habe einen praktischen Verstand, und es rhat mir weh, daß unsere schönen Güter uns so geringen Ertrag brachten; ich widmete mich der Landwirthfchaft und verbrachte meine Zeit von Morgens früh bis Abends spät iA Feld und Wald, in Stall und Speicher. Vergebens bemühte sich mein Vater, mich zum Thoralernen anzueifern. Einst übermannte ihn der Zorn, und er sprach zu mir: So sollen denn alle diese irdischen Güter, an denen Dein Herz hängt, nicht Dir gehören; ich schenke mein ganzes vesitzthum dem heiligen Tempel. — Um jene Zeit diente bei meinem Vater ein Mann aus dem obern Galiläa. Derselbe hatte meinem Vater drei Jahre lang treu gedient. Am Rüsttage des VersöhnMgsfestes verlangte er seinen Lohn, um zu seiner Familie zurückzukehren. Ich habe kein Geld, sprach mein Vater. — So gib mir Korn. — Auch dieses habe ich nicht. — So weise mir ein Feld für meinen Lohn an. — Ich besitze keine Felder. — So gib mir meinem Lohne entsprechend Vieh aus Deinen Heerden. — Ich habe keine Heerden. — So gib mir Möbel oder Betten. — Ich habe keine solche. — Da kehrte der Mann mit leeren Händen und betrübtem Herzen zu den Seinigen zurück; er hatte drei Jahre umsonst gedient. — Nach dem Laubhüttenfeste nahm mein Vater einen Beutel mit Gold, ließ drei Esel mit Speisen und Getränken und allerlei Kostbarkeiten beladen, und wanderte nach.Galiläa zu seinem ehemaligen Knechte; er gab diesem seinen Lohn und die Geschenke, die er für ihn mitgebracht hatte. Dann fragte er ihn: Was hast Du von mir gedacht, als ich die Auszahlung Deines Lohnes verweigerte? — Ich dachte, antwortete Jener, Du seiest nicht bei Kasse, Dem Korn sei nicht verzehntet, Deine Heerden und Deine Felder seien verpachtet, und als Du mir auch Möbel und Betten verweigertest, da vcrmuthete ich, Du habest Dein ganzes Besitzthum dem heiligen Tempel gewidmet. — Fürwahr, sprach mein Vater, Du hast das Richtige getroffen; ich wollte durch ein solches Gelübde meinen Sohn Horkinas zwingen, Thara zu lernen. Aber meine Gefährten mißbilligten, was ich gethan, und lösten mein Gelübde. Wie Du mich zum Guten beurtheilt hast, so möge einst der Herr des Weltalls Dir ein milder Richter sein. — Mir nun ereignete sich das gerade Gegentheil; ich lebte nur für die Verwaltung meiner Güter, und verlangte von meinen Söhnen, daß sie sich mit demselben Eifer der Landwirthschaft widmen sollen wie ich. Aber mein Sohn Elieser wollte nichts als Thora lernen. Er entlief mir heimlich und wurde einer der vorzüglichsten Schüler unseres großen Rabbon Iochanan ben Sackai." „Gott segne ihn", sagte Kalba Sabua, „er ist der Stolz und die Hofinung des verwaisten Israel." „Er möchte", sagte Horkinas, „daß alle Welt Thora lerne. Der Aufseher der Heerden, den ich Dir, o Hausherr, unlängst empfohlen, diente früher bei mir. Als mein Sohn mich vor einiger Zeit besuchte, lernte er deffen Klugheit schätzen und seine bedeutenden Geistesanlagen; er wollte ihn veranlassen, mit nach Jabneh zu gehen und dort zu studiren. Aber der Mann weigerte sich entschieden: er haßt die Gelehrten." Rahel horchte auf. „Sollte mir es gelingen", dachte sie, „diesen Akiba für die heilige Ausgabe zu gewinnen, für die der große Rabbi Elieser ihn nicht zu begeistern vermochte?" (Fortsetzung folgt.) Hierz» sechs Beilage». Verantwortliche Redactton: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition de« .JSraeltt* große Bleiche 48. Z. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).