Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1881)
- Date
- 1881-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447852--17096-2473105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
27 Nicht Reichthum und Kriegsruhm, nicht Geistesgröße und Macht, nicht Kunst und Wissenschaft, nicht Handel und Industrie werden hier als die Ideale der jüdischen Volksseele verherrlicht — vielmehr sind es drei Tugenden, rein menschliche Tugenden, von Jedem erreichbar, von Jedem Zu üben, in jeglichem Stande, in jeglichem Alter, von jeglichem Geschlechte, auf jeder Stufe der geistigen Entwickelung. Als Kennzeichen der echten Semiten, als deren höchstes Ideal, gelten: Barmherzigkeit, Charakterreinheit, thätige Menschenliebe; — also tönt es aus dem jüdischen Volksgeiste uns entgegen. Gute, milde, reine, menschenfreundliche Männer und Frauen — weß' Abstammung auch immer — sie werden als die würdigen „Judengenossen" bezeichnet; — gute, milde, reine, humane Menschen unter sich erstehen zu sehen, das ist der stolzeste Wunsch der semitischen Race. Die obenangeführte talmudische Charakteristik der Juden gibt die Ursache für diese Nationaleigen-! schäften, die Quelle ihres Ursprungs an.! a'nan '01 morn -)1? jrui 3’roi ouem CHDn iNunn dd'Jd Ty ipn-p rvnn maya noan nn« ino nsn vaa r« ms» -uw« jyoS a’nan tüDtt'Di npis mtcy1? 'n vn Daß der Grundzug der Juden Barmherzigkeit ist, stammt daher, weil sie das warme Mitgefühl mit den Leiden^ Sorgen und Schmerzen des Nebenmenschen als die herrlichste Gabe, mit welcher Gott den Sterblichen begnadet, bei sich pflegen. „Gott gibt dir die Barmherzigkeit," — unterdrücke nicht die Regung des Mitleids, dränge nicht die Thränen zurück, die fremdes Leid dich weinen läßt, verhärte nicht das Herz, welches dem Mitbruder entgegenwallt. Schäme dich nicht dieser dich edelnden Empfindung, verschließe dein Ohr der Stimme der Selbstsucht, die dich als ungehörige Schwäche betrachten lehren möchte, was in Wahrheit das Zeichen ist, daß in dir ein Hauch des alleinen, allmächtigen, allgütigen Gottes weilt! ncmi „Gott erweist ja auch dir Erbarmen," Er ist der mm „der Allbarmherzige" und N*n hd oim r.r« mm „wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig" lehrt die jüdische Weisheit. Und so ist denn auch in Wahrheit Barmherzigkeit Erbtheil der jüdischen Race geworden, nmaw vV ljnio cone? yno nman vy cmon Sa ljnio uw yno nman by omo uw 'v vai wo» :uon d.-ton b& „Wer sich den Geschöpfen barmherzig erweist, dessen Abstammung von Abraham ist eben so zweifellos, wie derjenige, welcher kein Erbarmen kennt, bestimmt nicht zu den Nachkommen Abrahams zählt" heißt es im Talmud Bezah 32. Und die Reinheit des Charakters, die Keuschheit der Empfindung, die Lauterkeit der Gesinnung, die Furcht vor der Sünde, der Widerwille gegen alles Gemeine, die Schamhaftigkeit und Züchtigkeit, NDn r.cn’i rv-yus, der zweite Grundzug der Juden, wurzeln in der Erkenntniß Gottes, in dem innigen Verhältniß, in welchem der Mensch sich zu seinem Schöpfer weiß, in der Unmittelbarkeit der Beziehung zu Gott, welche in dem U’D in noyo „in der Offenbarung am Sinai" ihre ewige Dokumentirung findet. „Daß die Furcht Gottes euch stets gegenwärtig bleibe, so daß ihr nicht sündiget," war der Zweck jener einzigen Offenbarung, bei welcher ein ganzes Volk, — Männer, Frauen und Kinder — die Stimme Gottes vernahm, welcher Sein ewiges Gesetz der Menschheit verkündete. Dieses Erlebniß sollte in dem Bewußtsein der spätesten Enkel jenes Geschlechts so gegenwärtig bleiben, daß sie jeden Augenblick ihres Daseins vor Gottes Angesicht leben, und Seine Nähe jeden unheiligen Gedanken, jede unreine Empfindung bannt, daß sie t?np „heilig" werden, empfänglich für alles Edle und Wahre und Unzugängliche für alles Niedrige und Falsche, wie Gott der „Allheilige"' ist. Die Jakobsfamilie hat sich diese nmp, dieses rvyus bewahrt in dem Trübsal der Zeiten. In den jüdischen Häusern weilten Zucht und Sitte, Gottesfurcht und Sündenscheu. Rein und keusch blühten Israels Jünglinge und Jungfrauen heran, und in den engen, düsteren Judengassen strahlte das Glück eines reinen Familienlebens, von welchem man jenseits der Getthomauern keine Ahnung hatte. Diese Charakterreinheit ist der Stolz des Semitenstammes. Gern läßt er andern Stämmen den Lorbeer des Krieges, den Ruhm der Kunst und Wissenschaft, der Erfindungen und des Handels; ihm erscheint die Reinheit seiner Söhne und Töchter, die Heiligkeit seiner Häuser, als der höchste Schmuck des jüdischen Namens. Die thätige Menschenliebe, die dritte Perle in dem jüdischen Diadem, — sie ist das köstliche Erbe, welches „unser Vater Abraham" uns, dem Hebräervolke, hinterlassen. Daß im jüdischen Kreise nicht nur für den Unglücklichen ein mitleidiger Seufzer, eine verstohlene Thräne, eine salbungsvolle Phrase vorhanden ist, daß auch die Hand sich mit dem Herzen öffnet und für das hilfsbedürftige Wohl ein Jeglicher stets bereit ist zu schaffen und zu wirken mit Aufopferung des eigenen Guts, der eigenen persönlichen Kraft, der eigenen werthvollen Zeit, — das ist das unsterbliche Werk unseres großen „Vater Abrahams", des Urahnen der Semiten, welcher nur deshalb zu einem „großen Volke" heranblühen sollte, „damit er seine Kinder und sein Haus bis in die fernste Zu-