Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1881)
- Date
- 1881-01-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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18 auch die am weitest Fortgeschrittenen nicht ausgenommen, für noch nicht würdig und fähig der Gleichstellung mit anderen Staatsbürgern zu erklären. Aber wunderbarerweise sehen das die Reformrabbiner des Jahres 1881 nicht ein und rathen den „Juden" sich zu bekehren, zu bessern, ihre Satzungen und Bräuche und Borschriften für „völlig sinnlos und gegenstandslos" zu halten, sich zu assimiliren und „den innigen Anschluß an die anderen Landesbewohner, mit denen sie ein Volk, ein Ganzes bilden, anzustreben." An W e n denn sind diese Worte gerichtet? Und was verlangen denn da die Herren Reformrabbiner des Jahres 1881? Sie richten ihre Worte an die Juden und da doch für die „Gebildeten" ihre Zeitschrift erscheint, vorwiegend an — Reformjuden. Denn die gesetzestreuen Juden werden von diesen Herren nicht als „Gebildete" betrachtet. Da aber die Reformjuden durchwegs sich von dem größten Theile der Satzungen und Vorschriften und Bräuche des Judenthums losgesagt haben; was soll denn nun jener Aufruf? Fast scheint es, daß von diesen Herren noch etwas mehr verlangt wird, was sic sich aber auszusprechen scheuen. Sie können doch unmöglich eine Forderung aufstellen, die schon seit Jahrzehnten von allen Reformjuden erfüllt ist? Was verstehen denn die Reformrabbiner des Jahres 1881 unter „Assimilirung", „Einreißen der Scheidewände?" wenn ihnen alle bisherige „Assimilation" und „Niederreißuug der „Scheidewände" nicht genügt?. Das Reformjudenthum steht heute zwischen Angel und Thüre. Vom Judenthume hat man sich losgesagt und nur den Namen Jude beibehalten. Zurück kann man nicht mehr und vorwärts auch nicht. Da ist es schwer, einen Ausweg zu finden. Aber sicherlich ist das kein Ausweg, daß man das werden will, was man schon ist und was sich heute als nicht genügend und unhaltbar erweist. Das ist jedenfalls ein mißlicher Standpunkt. Doch, mögen jene Reformrabbiner sich damit zurecht finden. Wir wollten bloß zeigen, wie die neue Aera der Judenhetze jene Herren besinnungs- und rathlos macht. Dr. H. 8. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Neustadt, a. Aisch, 24. Dez. Auch die hiesige Gegend hat einen Judenhetzer in der Person des Pfarrers Brügel von Gutenstetten aufzuweisen. Der Thätigkeit dieses Predigers ist es bereits gelungen, in dem nahen Dorfe Diespeck, wo derselbe wegen Krankheit des dortigen Pfarrers die Verwesung führt, die christlichen Bewohner derart gegen die Juden aufzuhetzen, daß in einer Nacht an der Behausung des Cigarrenhändlers Bauers sämmtliche Fenster eingeworfen wurden. Größere Excesse von Seiten der erregten rohen Gemüther sollen nach offener Aussage Einzelner in sicherer Aussicht stehen. (Auch aus Georgensgmünd wird von der unerfreulichen Thätigkeit einiger Judenhetzer berichtet, jedoch mit dem Hinufügen, daß sie bei der Bevölkerung wenig Gehör änden. (Fr. K) Berlin, 28. Dez. Dem „Berl.Tagbl." entnehmen wir: Welch' eigenthümlicher Mittel sich die sogenannte antisemitische Agitation bedient, um für ihre hetzerischen Zwecke Propaganda zu machen, dafür liegt uns ein seltsamer Beweis in der neuesten Nummer des in Zielenzig erscheinenden »Neumärkischen politischen Wochenblattes" vor. In diesem Provinzialblatt ergreift im Jnseratentheil der dortige Oberpfarrer Dr. Rolke das Wort, um gegen einen an sich unqualificirbaren Artikel der „Berliner Borsenzeitung" zu proteftiren, den er „als jüdische Frechheit" geißelt und den er überhaupt benutzt, um zur Unterzeichnung der bekannten Antisemiten-Petition einzuladen. Damit nicht zufrieden, dehnt der würdige Oberpfarrer sein Anathem auch auf das „Berliner Tagblatt" ans, das doch mit jenem Artikel der Berliner Börsen - Zeitung nicht den mindesten Zusammenhang hat und fordert alle seine Pfarrkinder auf, von Neujahr 1881 ab das „Berliner Tagblatt" nicht mehr zu lesen. Das wäre an und für sich schon kein Verfahren, welches von warmer „christlicher Liebe" zeugt. Aber es scheint Bestimmung, daß die geistlichen Kämpen, welche die Agitation der Herren Nuppel und Henrici in Entreprise nehmen, dabei — wenn nicht in Versuchung und Stricke — so doch in allerlei Jrrthümer fallen. tz?o wird also dem Judenthum ein Verbrechen aus dem Artikel der „Berliner Börsen-Zeitung" gemacht. Man sollte denken, daß es die Pflicht eines Geistlichen, der des Amtes der Liebe und des Friedens walten soll, wäre, daß er, bevor er so heftige und aufreizende Anklagen gegen einen großen Theil unserer Mitbürger richtet, sich wenigstens darüber vergewissert, ob die Behauptung, auf welche er die Anklage stützt, richtig ist. Nichts von Alledem. Was wird der Herr Oberpfarrer sagen, wenn er erfährt, daß nicht blos der Eigenthümer der „Berliner Börsenzeitung" ein Christ, sondern, daß auch sämmtliche Redacteure dieser Zeitung Christen, und daß insbesondere der Verfasser des oben erwähnten Artikels, der an sich gewiß berechtigten Anlaß zum Aergerniß bietet, wie die „Lib. Corr." meldet, ein Christ ist? Hoffentlich wird auch der Herr Pfarrer begreifen, daß es selbst in den heftigen Kämpfen dieser Tage nicht erlaubt ist, mit