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Der Israelit · 1881-01-05 · Heft 1 (5.1.1881) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 1 (5.1.1881)
Date
1881-01-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXII. Iahrgang. Zweite öeilage zu Nr. 1 -es Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Populär-Wissenschaftl. Mo natsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen. Organ des Mendelssohn-Vereins in Frankfurt a. M. Herausgegeben von Dr. Adolf Brüll. So lautet der Titel der im Januar 1881 neu erscheinenden Zeitschrift. Als Mitarbeiter werden eine ziemliche Anzahl Reform-Rabbiner und sonstige Reform- Autoritäten genannt. Der erste Artikel behandelt die Antisemiten - Bewegung in Deutschland. Diese scheint auch den Herren von der Reform blasse Furcht eingejagt zu haben, denn der alte Ruf der Reform nach Assimilirutlg wird wieder laut. Am Schluffe jenes Artikels wendet sich der Verfasser mit folgenden Worten an die Juden — wir wissen nicht, ob derselbe ein Jude oder Nichtjude ist —: „Und nun noch ein Wort an die Juden. Mögen sie sich doch auf die erhabenen ethischen Ideen ihrer Religion ernstlich besinnen und zu den positiven Grundlagen derselben, wie sie in den prophetischen (? 0 Schriften sich darftellen, zurückkehren, nicht die Form über den Geist stellen und nicht Satzungen und Bräuche, die jedes inneren Gehaltes entbehren und in unserer Zeit völlig sinnlos und gegenstandslos geworden find, mit dem Wesen des Judenthums verwechseln oder gar an seine Stelle setzen. Formen ohne Inhalt sind geradezu schädlich, denn sie ersticken das geistige Leben innerhalb der Religion, sie entstellen und verunstalten ihr Wesen und isoliren den Bekenner derselben aus nichtigen Gründen. Vorschriften, welche localen und temporären Ursprungs und Zwecks waren, müssen sich mit der Zeit überleben und sie aufrecht zu erhalten, nachdem sie nach innen ihre geistige Bedeutung verloren haben und nur noch als Scheidewände dastehen, die das Judenthum nach Außen hin abschließen, wäre ebenso verkehrt als unberechtigt. Solche können nicht nur ohne Schaden für das Judenthum aufgcgeben werden, sondern es wird auch dadurch aus seinem Gebiete reiner Boden für eine gedeihliche Fortentwickelung geschaffen. Der Separatismus liegt nicht in dem Wesen des Judenthums und wenn die Bekenner desselben den innigen Anschluß an die andern Landesbewohner, mit denen sie ein Volk, ein Ganzes bilden, anstreben, so werden sie durch ihre Religion am wenigsten daran gehindert. Thue man auf jüdischer Seite seine Schuldigkeit. Rach und nach werden die gegenseitigen Beziehungen sich schon inniger gestalten." Meint man nicht die Reformhelden aus dem Anfang dieses Jahrhunderts zu hören! Damals stellte man den Juden Die Gleichberechtigung mit | allen andern Staatsbürgern in Aussicht, wenn sie! sich nur ein bischen „assimiliren" wollten, wenn man! die .Scheidewände', die ihre Religion aufgerichtet,! fallen ließe. Und in voller „Hingäbe" riß man die! Scheidewände nieder, suchte den Beweis vor aller j Welt zu liefern, daß „im Wesen des Judenthums! nichts von Separatismus liege", daß man sich ganz? bequem und leicht den andern Staatsbürgern „assi-! miliren" könne. Freilich erklärte man schon damals! viele „Satzungen" und „Bräuche" seien in unserer i Zeit völlig sinnlos und gegenstandslos, viele Vorschriften blos „localen und temporären Ursprungs und Zwecks" re. rc. — Run hat man dreiviertel Jahrhundert sich assimilirt, hat eingerissen und umgestaltet, Satzung nach Satzung und Brauch nach Brauch für sinnlos und gegenstandslos erklärt, hat theilweise alle Satzungen, die jpeciell jüdisch sind: also Speisegesetze, Ehegesetze, Beschneidung, Fest-und Feiertage, Sabbath und Versöhmmgstag nicht ausgenommen, hingeopfert, so daß Alle, die sich heute zur Reform bekennen — und in Deutschland ist das wohl die Majorität — als die verwirklichten Ideale jener Reformatoren zu betrachten sind. Heute nach dreiviertel Jahrhunderten, da sich herausstellt, daß das Einreißen der „Scheidewände", daß alle „Assimilirungsbeftrebungen" noch nicht das „Rischuß" gebannt, daß man, wenigstens in Deutschland, trotz alles Patriotismus und aller Hingebung in der Erz füllung der staatlichen Pflichten, nicht als vollgiltiger i Deutscher, sondern als Jude, als Fremdling erklärt! wird; heute, wo es sich doch klar zeigt, daß nicht dem Juden allein, sondern dem Judenthum die große Antipathie gilt: da, so sollte man glauben, müßten die Herren Reformer doch zur Einsicht kommen, daß der Dispens von unseren Satzungen und Bräuchen und Vorschriften, der von ihren Vorgängern damals zum Zwecke der Erlangung der i Gleichberechtigung und Gleichstellung ausgestellt wurde, l vollständig wirkungslos sich neuerdings gezeigt hat, da er nicht verhinderte, die Juden, ohne Unterschied,

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