Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1881)
- Date
- 1881-01-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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12 Mir aeceptiren auch diesen Schlußsatz im Sinne des Psalmenwortes, welches lautet: „Wenn Gott Zu rück führt die aus Zion Verbannten, dann sind wir gewesen wie die Träumenden." Feuilleton. Wiesel und Arminen. (Eine talmudische Erzählung.) In Ackaon wurde ein Hochzeitsfest gefeiert. Hanna, die Tochter des Elasar aus Abalum, hatte der Hochzeitsfeier angewohnt. Frühzeitig verließ sie die Tafel. „Bleibe doch noch," sprach zu ihr die Mutter der Braut. „Nein," antwortete Hanna, „es wird mir zu spät. Du weißt, ich bin das einzige Kind meiner Eltern, und sie würden besorgt um mich sein, wenn ich zu spät nach Hause käme. Noch steht die Sonne hoch am Himmel, und wenn ich jetzt gehe, erreiche ich das elterliche Haus vor Einbruch der Nacht." Und Hanna ging. Ohne Furcht schritt sie durch die Felder, welche ihr väterliches Dorf von Ackaon trennten. Nicht fürchtete sie Räuber oder andere Wegelagerer; denn die Straßen waren sicher unter der ruhmreichen Regierung des Hasmonäischen Königs Alexander Janäus. Der Tag war sehr heiß; und die gewürzten Speisen, welche Hanna an der Hochzeitstafel gegessen, vermehrten noch den Durst, den die Hitze des Tages allein schon hervorrief. „Soll ich denn hier verschmachten," sprach das Mädchen, „und ich habe noch eine Stunde bis Abalum, und unterwegs ist kein Haus, in welchem ich meinen Durst löschen könnte!" Da erblickte sie eine Cisterne, sie eilte hin und hob mit schwerer Mühe den Deckel empor; aber sie konnte das Wasser mit der Hand nicht erreichen. Welch eine Qual, verdürstend vor dem frischen, kühlen Wasser stehen zu müssen! Hanna entschloß sich, über den Rand des Brunnens zu steigen. Das gelang ihr mit schwerer Mühe; und sie löschte ihren Durst, Gott für die Erquickung preisend. Dann suchte sie wieder empor zu steigen, aber zu ihrem Schrecken bemerkte sie, daß ihr das ganz unmöglich sei. Das Gemäuer des Brunnens, auf das sie von außen gestiegen, war von der Innenseite viel zu hoch, als daß sic sich hätte hinaufschwingen können. Verzweiflung erfaßte ihr Herz, und sie fing an bitterlich zu weinen. Ein Jüngling kam des Weges daher und hörte, wie aus der Tiefe des Brunnens um Hilfe gerufen wurde. Er eilte hin, schaute hinab, und erblickte zu seinem Erstaunen ein schönes, reich geschmücktes Mädchen. „Bist Du ein Geist," rief er hinab, „hast Du Dich herniedergelassen aus des Himmels Höhen oder bist Du emporgestiegen aus des Abgrunds Tiefen?" „Nein," antwortete das Mädchen, „ich bin kein Geist; ich heiße Hanna und bin die einzige Tochter des Elasar aus Abalum; ich war in Ackaon aus einer Hochzeit und in Begriff in das Elternhaus zurückzukehren. Da übermannte mich der Durst, und ich stieg leichtsinniger Weise in diesen Brunnen, aus dem ich nunmehr nicht heraus kann. Reiche mir Deine Hand, und ziehe mich empor!" Der Jüngling war ganz berauscht von der Schönheit des Mädchens, und der Wohllaut ihrer Stimme drang ihm ins Herz. „Wohl," sprach er, „ick will Dir meine Hand reichen; aber nur dann, wenn Du mir versprichst, mir Deine Hand zu lassen für das ganze Leben; ich heiße Simon und bin aus Betlahem; mein Vater ist ein begüterter Mann, und ich werde Dich gut halten und Dir ein treuer Gatte sein." „O Simon", entgegnete Hanna, „ist das wohl die rechte Art, um ein jüdisches Mädchen zu freien? Hilf mir heraus und begleite mich in mein väterliches Dorf, damit wir uns näher kennen lernen, und wenn wir Gefallen aneinander finden, so magst Du mit meinen: Vater reden und um mich werbe::." „Nicht ist es mir vergönnt, hier länger zu verweilen. Dringende Geschäfte führen mich nach Ackaon und von da noch weiter. Willst Du mir versprechen, die Meine zu werden, so helfe ich Dir heraus; wo nicht, so gehe ich ruhig meines Weges. Du aber kannst die ganze Nacht in diesem Brunnen zubringen; denn schon verschwindet die Sonne im Westen." „So hilf mir, und ich will Dir versprechen zu thun, was Du von mir verlangst." „Habe Dank!" sprach Simon und reichte ihr beide Hände. Dann zog er sie mit kräftigem Rucke empor, und bald stand sie neben ihm. Simon war von ihrer Schönheit entzückt; er wollte sie umarmen, allein sie wehrte ihm. „Nicht doch," sprach sie, „komme in meines Vaters Haus, und ich werde mein Versprechen halten." „Wer aber sollen die Zeugen unseres Verlöbnisses sein?" fragte er. In diesem Augenblicke huschte ein Wiesel dahin. „Das Wiesel da," sprach Hanna, „und der Brunnen hier sollen unsere Zeugen sein." „So sei es," antwortete Simon. „In vierzehn Tagen komme ich, um Dich in meines Vaters Haus zu führen. Bis dahin lebe wohl, Geliebte!"