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Der Israelit · 1881-01-05 · Heft 1 (5.1.1881) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 1 (5.1.1881)
Date
1881-01-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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13 „Lebe wohl," sprach Hanna, „lebe wohl mein künftiger Gatte!" Sie trennten sich, und Hanna kam bei einbrechender Nacht glücklich in das Haus ihrer Eltern, die schon angefangen hatten, wegen des längeren Ausbleibens ihrer Tochter besorgt zu sein. Die Frist, welche Simon seiner Braut gestellt hatte, verging: aber das Mädchen harrte vergebens des Bräutigams. So verging Woche ans Woche, Monat auf Monat. Unterdes; stellten sich viele Freier ein, welche die Hand der schönen Hanna, der einzigen Tochter des reichen Elasar begehrten. Hanna wies Einen nach dem Andern zurück, zum größten Verdrusse ihrer Eltern. Diese drangen von Tag zu Tag mehr in ihre Tochter, daß sie eine Wahl treffe unter den sich bewerbenden Jünglingen; und als nun der Vater befahl und die Mutter weinend bat, da wußte sich Hanna nicht anders zu helfen, als daß sie ihren Verstand verleugnete und sich irrsinnig stellte. Sobald nur die Rede ans einen der Freier kam, gerieth sie in Wuth, zerriß ihre Kleider nnd zerbrach, was sie erreichen konnte. Da ließen die Bewerber von ihr ab, und Vater und Mutter drangen nicht weiter in sie. — Als Simon nach Betlahem in das Vaterhaus zurückgekehrt war, fand er daselbst die schöne Beruriah, die Schwestertochter seiner Mutter, welche gekommen war, um ihre Tante zu besuchen. Sein leicht entzündliches Herz entbrannte in Liebe für sie, und er gedachte nicht mehr des Mädchens, um welches er an jenem Brunnen so stürmisch geworben, und da seiner Mutter sehnlichster Wunsch es war, daß die Tochter ihrer verstorbenen Schwester die Gattin ihres Sohnes werden sollte, so stellten sich den Absichten Simons keinerlei Schwierigkeiten entgegen. Er warb um seine schöne Vase, und sie ward seine Frau. Ein Jahr war verstrichen, nnd die Geburt eines schönen Knäbleins erhöhte der jungen Eltern Glück. Das Knäblein gedieh, ward stark und kräftig. Beruriha ihm wollte es eines Tages aus der Wiege nehmen, um die Brust zu reichen, als ihr die feurigen Augen eines Wieselchens entgegenleuchteten. Das Thierchen huschte davon; das Kind war todt. Und wieder verging ein Jahr, und wiederum wurde ein Knäblein geboren, welches die Mutter wie ihren Augapfel hütete. Und das Knäblein wuchs heran, wurde stark und kräftig, und war Hellen Geistes. Schon konnte es sprechen und laufen. Da lief es mit der Magd an den offenen Brunen und fiel hinein. Wer beschreibt den Schmerz der Eltern bei diesem neuen Ungkücksfalle! Stumm saßen sie nebeneinander auf der Erde während der sieben langen Trauertage. Als aber die Trauerzeit um war, sprach Beruriah zu ihrem Gatten: „Simon, mein Freund, mein Herz ist von: Kummer schwer belastet. Wenn unsere Kinder gestorben wären, wie andere Kinder sterben, in Folge einer Krankheit oder eines angeborenen Leidens, ich würde mich ruhig finden in die Schickung des allmächtigen Gottes. In langen schlaflosen Nächten habe ich darüber nachgedacht, ob ich etwa durch eine Versündigung den Tod der Kinder verschuldet habe; ich habe Nichts g. müden, was mein Gewissen belastet. Verzeihe mir, Simon, daß ich zu der Vermuthung gelangt bin, daß Du irgend eine That gethan, welche Du nicht zu rechtfertigen vermagst!" Da fing Simon an zu weinen und sprach: „Ja, es ist der Finger Gottes, welcher die süßen Knäblein getödtet hat, und ich, ich habe es verschuldet, und habe auch Dein Leben getrübt!" Nnd er erzählte ihr Alles; von dem Mädchen im Brunnen, dem er sich anverlobt, und daß sie Wiesel und Brunnen als Zeugen ihres Versprechens angerufen. „Du mußt Dein Versprechen halten," sprach Beruriah; „mir aber gib den Scheidebrief und laß mich zurückkehren in meines Vaters Haus." Wenige Tage nachher reiste Simon nach Abolunr und trat vor den Vater Hannas. „Elasar", sprach er zu diesem, „ich bin gekommen, um von Dir die Hand Deiner Tochter zu begehren." „Sprich nicht davon." antwortete Eleasar traurig, „mein armes Kind ist geisteskrank und geräth in Wuth, wenn ein Freier ihr naht." „Ich bitte Dich," antwortete Simon, „führe mich zu ihr; vielleicht gelingt es mir, sie zu bestimmen, mein Weib zu werden." Und Elasar führte den Fremden in das Gemach seiner Tochter. Als diese den fremden jungen Mann erblickte, fing an sie zu schreien und ihre Kleider zu zerreißen. „Hanna," rief Simon mit lauter Stimme, „erkennst Du mich nicht % Denke an das Wiesel und den Brunnen, welche die Zeugen unseres Verlöbnisses waren!" Da blickte Hanna auf und erkannte den ihr verlobten Bräutigam. „Kömmst Du endlich," sprach sie, „ich habe lange auf Dich gewartet in unwandelbarer Treue." „Hanna," sprach Simon, „kannst Du mir verleihen? Ich war Dir untreu worden; aber jetzt bin rch zu Dir zurückgekehrt. Gott, der Allmächtige, hat unsere Zeugen geschickt, um mich an mein Versprechen zu mahnen." Und er erzählte Alles, was sich ihm ereignet hatte, und sie verzieh ihm; sie wurden ein glücklichesPaar. Auch Beruriah fand einen wackern Gatten, der sie liebte und ehrte, wie sie es verdiente, und kein Wiesel, kein Brunnen bedrohte die Kinder, die m ihrer neuen Ehe geboren wurden.

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