Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1881)
- Date
- 1881-01-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXII. Jahrgang. Erste Beilage i„ tlr. 1 -es Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. nn b)p Ein- und zweistimmige Gesänge für den israel. Gottesdienst, componirt und herausgegeben von L. Lewandowski, Königl. Preußischem Musikdirector und Dirigent der Synagogen-Ehöre an der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Zu den schönsten und ungetrübtesten Momenten des Lebens sind in der That all' jene feierliche Stunden zu rechnen, die wir in den Räumen des Gotteshauses verleben, wo den Kampf um das Dasein wir vergessen und alle Erdensorgen hinter uns lassend, wir nur allein Trost und Erholung suchen und finden im Gebete und im Worte Gottes. Das Gebet gehört mit zu den ältesten Institutionen des Judenthums und seine eigentliche Anordnung für die Synagoge geht bis in das graue Alterthum zurück. All' diese Gebete, die heute den wesentlichen Theil unseres Gottesdienstes bilden, sind größtenteils schon zur Zeit des zweiten Tempels verfaßt worden, und sind dem Hause Israel als ein treues Vermächtniß seiner großen Ahnen dis auf den heutigen Tag lieb und werth geblieben. Finden wir ja auch in jenen Gebetsstücken nicht selten den Ausdruck der sittlichen Erhabenheit und der ingeniösen Größe unserer Väter wieder, und selbst all' jene poetischen Ergüsse der mittelalterlichen Heroen vermögen in ihren einzelnen Theilen uns ein lebendiges Bild der Vergangenheit zu entrollen, und uns die wandelbaren Verhängnisse aus Israels „Sturm¬ und Drangperioden" so trefflich vorzuführen. Und sowie die Worte dieser Gebete unserem Herzen längst zum Bedürfniß geworden, da es in ihnen Trost und Erhebung findet, so sind es auch nicht weniger die Melodien, mit denen dieselben schon seit Jahrhunderten in unseren Gotteshäusern vorgetragen werden. Diese alten jüdischen Intonationen sind so innig und fest mit unserem Cultus verknüpft, daß ohne dieselben wir uns fremd im eigenen Hause dünken würden. Nur sie allein vermögen durch ihre Lieblichkeit und unendliche Erhabenheit oft in heiterer, oft auch in wehmutsvoller Weise zur Andacht zu stimmen und den Geist des alten und echten Judenthums auch noch dann zu erhalten, wenn man die Sprache der Väter schon vergessen haben sollte. Ich erinnere da an eine Anekdote, die vielleicht hier so recht am Platze erscheint. „Ein vielgereister Kaufmann, der im Allgemeinen nicht so ganz auf jüdischem Fuße lebte, wurde einmal in einer Synagoge von einem ihm nahestehenden Freunde gefragt, warum er über die Art und Weise des reformirten Gottesdienstes stets sein Mißfallen bezeige? Einfach darum, antwortete der Befragte, weil mir das fremde Wesen nicht gefällt und ich in den neuen Einrichtungen keinen jüdischen Sinn erblicke. Wenn ich hingegen in eine „alte Synagoge" komme und in derselben die herrlichen, unvergleichlich schönen Recitationen höre, wie sie schon unsere Ahnen gesungen, da sehe ich im Geiste meinen längst verblichenen Vater wieder, wie er einst im Hause uns Kindern diese herrlichen Weisen intonirte, wie er das „Kidusch machte" und das „Semiroth sang" und diese Erinnerungen machen mich glücklich und erwecken in mir die angenehmsten Gefühle für Heimath, Familie und Judenthum. Wenn ich aber jene Firlefanzereien vernehme, mit denen man unseren Gottesdienst verunstaltet hat, dann möchte ich in dem Bewußtsein der verlorenen Schlacht auf dem Gebiete der synagogalen Reformbewegung all' jenen problematischen Helden, die uns all' dieses „Neue" gebracht, mit jenem römischen Kaiser zurufen: „O, Varus, Varns, gib mir meine Legionen wieder." Und sie werden wiederkehren — nicht die römischen Legionen — abev unsere alten Synagogenmelodien, und jene schönen Weisen werden neu aufcrstehen im Frühlingsgewande der erhebenden Kunst und unter der Pflege gewandter Meister. Berufene Männer haben es sich zur Aufgabe gestellt, einem vielseitig gehegten Wunsche gerecht zu werden und die gewohnten Sangweisen der Synagoge veredelt und künstlerisch vollendet uns wiederzugeben. Ein wesentliches Verdienst an diesem schönen und segensreichen Unternehmen, zu dem bereits schon vor Jahren der nun greise Obercaantor Sulzer in Wien einen bedeutenden Anfang gemacht, hat sich in neuerer Zeit Herr Lewandowski, K. K. Musikdirector und Dirigent der Synagogenchöre in Berlin, durch die Herausgabe seines n^sm n:-» vip errungen. Der Verfasser des genannten Werkes hat es nicht allein verstanden, die alten und eigentlichen Synagogen- Jntonationen in unvergleichlicher Schönheit wieder