Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1881)
- Date
- 1881-01-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 großen Güter. Rahel war, wie die Stamm-Mutter dieses Namens, schön von Gestalt und schön von Ansehen; aber schöner noch war der edle Geist, der sie beseelte, und werthvoüer als alle Schätze ihres Vaters war das großmüthige Herz, welches in ihrem Busen schlug. Um diese Zeit geschah es, daß Kalba Sabua eines Aufsehers bedurfte, der die Oberaufsicht über seine Heerden und Hirten führen sollte. Der reiche Gutsbesitzer war der großen Aufgabe nicht gewachsen. Alles zu übersehen, Ordnung zu halten und sich vor Diebstahl und Veruntreuung zu schützen. Kein Sohn stand ihm helfend zur Seite, und deßhalb war er gezwungen, einen Fremden in das Haus zu nehmen, der da der eingerissenen Untreue Schranken setzen sollte. Schon Mancher hatte sich gemeldet, aber Keiner hatte bis jetzt das Vertrauen des Hausherrn gewinnen können. Da trat eines Tages ein Jüngling vor ihn hin, der ein Empfehlungsschreiben vom Nachbar Horkinas brachte. Nachdem Kalba Sabua das Schreiben gelesen hatte, sprach er zu dem dcmüthig vor ihm stehenden Jünglinge: „Dies Schreiben rühmt Deinen Fleiß, Deine Treue, und Deine Ehrlichkeit. Noch mehr einpfiehlt Dich Deine männliche Gestalt, welche Kraft und Geschicklichkeit verheißt. Wie ist Dein Name?" „Akiba nennt man mich," antwortete der Jüngling; „mein Vater hieß Joseph und mein Großvater Josua; wir stammen aus einem vornehmen, heidnischen Geschlecht. Sisra, den einst Joel erschlug, der Feldherr des Jabin, des Königs von Ehazer, war der Ahnherr unserer Familie. Mein Großvater kam mit der Königin Helena nach Jerusalem und trat zum Judcnthum über. Meine Eltern verloren bei der Zerstörung Jerusalems Leben und Vermögen. So bin ich gezwungen, in dienender Stellung mein Brod zu suchen." „Du sprichst gut," entgegnete der Hausherr. „Welchen Lohn verlangst Du?" In diesem Augenblicke trat Rahel in das Zimmer. „Rahel, mein Kind," rief ihr der Vater entgegen, „was wünschest 3)u?‘ Akiba hatte sich bei diesen Worten des Hausherrn der Eintretendcn zugekehrt. Er war überrascht von der Schönheit des Mädchens und sprach in seinem Herzen: „O, könnte ich doch antworten wie einst Vater Jakob: Ich will Dir sieben Jahre dienen um Deine Tochter Rahel!" Auch Rahel blickte mit Wohlgefallen auf den Fremden; doch rasch wendete sie sich ihrem Vater zu und sprach: „Ich wollte Dir melden, mein Vater, daß der erwartete Gastfreund Papus, der Sohn des Judah, angekommen ist." * „Weise ihm ein Zimmer an, meine Tochter, und sorge, daß er gut bedient werde. Auch gib Befehle, daß dem Gastfreunde zu Ehren ein reiches Mahl hergcrichtet werde. Bringe ihm meine Grüße und entschuldige mich, daß ich ihn jetzt nicht empfangen kann; ich werde mich nachher auf sein Zimmer begeben und ihn dort willkommen heißen." Rahe! entfernte sich. „Es ist der Sohn meines Jugendfreundes," sagte Kalba Sabua, „bestimmt, der Gatte meiner Tochter zu werden, vorausgesetzt, daß die beiden jungen Leuten Gefallen aneinander finden. Und nun, Akiba, nenne mir die Bedingungen, unter denen Du in meine Dienste zu treten bereit bist " „Was soll ich Dir, o Herr," entgegnete Akiba, „Bedingungen stellen? Mögest Du meine Dienste nach Verhältniß meiner Leistungen lohnen; ich vertraue Dir, daß Du meinen Lohn nicht zu gering bemessen wirst." „Du gefällst mir," entgegnete Kalba Sabua. „So ernenne ich Dich denn znm Aufseher über alle meine Heerden und Hirten. Du hast dafür zu sorgen, daß die Hirten die rechten Weideplätze aufsuchen, daß sie nichts stehlen imb nichts veruntreuen, daß die Schaafschur zur rechten Zeit geschehe und daß die Wolle in meine Speicher abgeliefert werde. Du hast den Verkauf des Viehes zu besorgen, das zum Verkaufe sich eignet, und die Stücke auszulesen, die für meinen Haushalt geschlachtet werden sollen. Bist Du des jüdischen Gesetzes kundig?" „„Nein, Herr; ich kenne Nichts als was ich aus der Geschichte unseres Volkes durch die Erzählungen Anderer erfahren habe. Nie bin ich angehalten worden, in der Lehre Gottes zu forschen. Wozu auch? All die großen Schriftgelehrten haben die heilige Stadt nicht vom Untergange zu retten vermocht!" „Sprich nicht so! Die Schriftgelehrten waren nicht schuld an dem Untergange der heiligen Stadt — Ich hätte, wenn Du ein Gelehrter wärst, Dir' die Funktionen des Schlachtens übertragen. So muß ich davon abseheu. Folge mir, ich will Dich meinen Dienern vorstellen." (Fortsetzung folgt.) Hier;« zwei Beilagen. Verantwortliche Redactron: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des .Irrnelü* große B!ei-che 45 I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeigers.