Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1881)
- Date
- 1881-01-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 Rabbi Jochanan ben Sackai, der große Lehrer Israels, hatte den Untergang der heiligen Stadt vocausgesehen. Vergebens hatte er zum Frieden und zur Unterwerfung gemahnt. Die Eiferer in der Stadt wollten lieber Tod und Untergang erdulden, ehe sie das Sktavenjoch der Römer ertrugen. Da ließ Rabbi Jochanan das Gerücht seines Todes verbreiten; seine Schüler Elieser und Josua legten ihn in einen Sarg, Elieser faßte am Kopfende und Josua am Fußende an, uno so trugen sie ihn in der Abenddämmerung bis an das Thor der Stadt — „Es ist eine Leiche", sagten sie zu den Wächtern des Thores, „die wir außerhalb der Stadt begraben wollen," und man ließ sie ungehindert ziehen. Rabbi Jochanan begab sich in das römische Lager und ließ sich vor den Feldherrn Vespasianus führen. — „Heil Dir, römischer Kaiser!" rief er dem Feldherrn zu. — „Wenn Deine Anrede", sagte Vespasian, „dem Kaiser hinterbracht wird, so wird er Dich und mich tödten lassen. — „Ich aber sage", entgegnete der Rabbi, „daß Vespasian bereits römischer Kaiser ist. Rur noch kurze Zeit wird es währen, daß Du Jerusalem und das Heiligthum unseres Gottes eroberst, und Beides kann nur durch den Mächtigsten geschehen, wie es der Prophet Jeschajahu verheißen hat." Und siehe da, während sie noch miteinander sprachen, sprengten staubbedeckte Reiter herbei und riefen: Heil unserem Kaiser Vespasian! Der Kaiser ist todt, und Volk und Senat haben den ruhmreichen Feldherrn Vespasianus zum Kaiser erhoben!" Der neue Kaiser war nun dem Rabbi sehr gnädig und gestattete ihm, die Erfüllung des Wunsches, den er ihm vortragen würde, Rabbi Jochanan ben Sackai erbat sich die Erlaubniß, in der Stadt Jabneh ein Lehrhaus zu errichten, um dort ungestört zu lernen und zu lehren. Diese bescheidene Bitte wurde ihm gewährt, und Rabbi Jochanan begab sich mit seinen Schülern nach Jabneh, mitten im Kriegsgetümmel seine Lehrthätigkeit beginnend. Da saß er nun wie einst der Hohepriester Eli, der kommenden Ereignisse harrend, denn sein Herz war besorgt um das Heiligthum unseres Gottes. Und als die entsetzliche Nachricht kam, daß Jerusalem erobert und zerstört und der heilige Tempel verbrannt sei, da zerrissen Lehrer und Schüler ihre Kleider und setzten sich auf die Erde und weinten. So klagten und weinten sie lange Zeit, bis daß der Lehrer sich ermannte und seine Schüler zu trösten begann. „An uns ist es," sprach er, „die Zukunft Israels zu erhalten. Wenn wir auch Alles verloren haben, so ist uns doch unser köstlichstes Kleinod, die Lehre unsres Gottes, geblieben. Sie istder Quell unsres Lebens und dieBürgschaft einer kommenden, bessern Zeit. Wohlan, wir wollen uns durch Trauer und Schmerz die Kraft des Geistes nicht lähmen lassen! Wir wollen uns unsres Lebens Leben und unsern Kindern das Erbe der Väter erhalten!" So begann denn der Lehrer mit seinen Schülern die geräuschlose Geistesarbeit, welche Israels feste Burg wurde, iu welcher die zerstreute und verfolgte Lämmerheerde Schutz und Sicherheit fand vor den sie verfolgenden Wölfen. Wenn auch Jerusalem und der heilige Tempel zerstört war, so war der Fluch, welcher heutzutage aus Palästina ruht, der Fluch, daß der Erdboden nicht hergibt seine Frucht, und weite, einst fruchtreiche Länderstrecken verödet liegen, noch nicht eingetreten. „Eine Landschaft von bewundernswürdiger Natur und Schönheit," sagt Josephus, „streckt sich an dem See Genezareth hin. Der fette Boden derselben ist mit verschiedenen Baumarten bepflanzt, und verschmäht, bei seinem milden Klima, das den verschiedenen Gewächsen anpassend ist, kein Gewächs seiner Anbauer. Nüsse, eines von den Gewächsen, welche sehr die Kühlung lieben, grünen da in zahlloser Menge; auch sind hier Palmen, die durch die Hitze gut Fortkommen, nächst diesen Feigen und Oliven, welchen schon ein gelinderes Klima zusagt. Man möchte dieses einen Wettstreit der Natur nennen, die fast mit Gewalt an einen Platz hinsammelte, was sich zu widerstreiten scheint, so wie einen'angenehmen Wettkampf der Jahreszeiten, wovon gleichsam sich eine jede dieser Landschaft, statt der andern, anzumaßen suchte. Sie nährt indessen nicht bloß, wider alle Erwartung, verschiedenes Obst, sondern erhält es auch lange. Die vorzüglichsten Früchte wenigstens, Trauben und Feigen, reicht sie zehn Monate ununterbrochen dar. Die übrigen Früchte folgen einander wechselsweise das ganze Jahr hindurch." In dieser fruchtbaren Gegend befand sich das prachtvolle Haus des reichen Kalba Sabua, umgeben von Aeckern und Weinbergen, von Dattelpalmen und Olivenhainen. Der Besitzer dieses Hauses und all dieser Ländereien hatte auch zahlreiche Heerden, die von seinen Knechten bis auf die Weideplätze an den Ufern des Jordans geführt wurden. Auch ein Haus in Jerusalem hatte Kalba Sabua beseffen. Als Vespasian die Belagerung der heiligen Stadt begann, war er einer jener drei Männer gewesen, welche die belagerte Stadt auf Jahre hinaus mit reichen Vorräthen versorgt hatten. Aber die Eiferer hatten die Vorrathshäuser verbrannt, um die Belagerten zum Kampf auf Leben und Tod zu reizen. Kalba Sabua betrauerte das Loos der heiligen Stadt gar sehr. Durch schwere Geldopfer war er dem Geschicke der Aechtung entgangen und hatte sich nun auf seinen Landsitz zurückgezogen, wo er die Bebauung seiner Felder und Weinberge beaufsichtigte. Ihm blühte eine einzige Tochter, die Erbin seiner