Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1879)
- Date
- 1879-12-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1403 Die alte Sara schwieg; Leah aber nahm, das Wort. „Alle, längst vergessene Erinnerungen werden wieder lebendig. Als die wilden Soldaten ins Haus stürmten und die Schüsse krachten, da nahm mich weinendes Kind mein Onkel Philipp an die Hand und führte mich durch ein Hintervförtchen in den Garten, und von da aus in die Stadt, durch enge schmutzige Gäßchen in ein ärmliches Haus, hier verhandelte er lange mit den Leuten, die ich später Vater und Mutter nannte. Meine schönen Kleidchen und Schuhe wurden mir ausgezogen, und ich wurde mit elenden Lumpen bedeckt." „Es ist kein Zweifel," sagte Nuben, „der Onkel hat jenen Leuten eine Summe Geldes gegeben, damit sie Dich hinwegführen. Er selbst wurde dann der Erbe des großen Vermögens seines Bruders." „So ist es", sprach die alte Sara. „Die verschwundene kleine Laura, wurde vom Gericht für tobt erklärt. Man nahm an, daß sie ebenfalls von den Kosaken ermorde! und dann verscharrt worden sei. Herr Philipp Mangold liquidirte das Geschäft seines Bruders, vermi-thete das Haus in der Stadt und zog mit seiner Familie hierher. Aber die große Erbschaft hat ihm kein Glück gebracht. Eine ansteckende Krankheit brach aus und raffte seine Kinder dahin, drei hoffnungsvolle Söhne und zwei schöne Töchter. Bald nachher starb auch seine Frau. Die gesammte Dienerschaft wurde entlassen. Nur ich allein wurde beibehalten. Seitdem lebt Herr Philipp Mangold mit mir allein in diesem großen Hause; ein alter, einsamer, finsterer, unglücklicher Mann." In diesem Augenblicke wurde heftig geschellt. „Es ist Herr Mangold," sagte Sara, „welcher eben zurückkehrt." »Jetzt gilt es", rief Rüben, „einen raschen Entschluß zu fassen; führen Sie meine Frau in irgend ein entlegenes Zimmer, wo sie den Erfolg adwarten mag. Ich aber will hier Herrn Mangold erwarten und ein ernstes Wort mit ihm reden." Sara führte die junge Frau fort, und als die Schelle lauter und heftiger ertönte, eilte sie an die Hausthür, um zu öffnen. „Verzeihen Sie," sagte sie zu dem mit finstern Mienen eintretenden Hausherrn, „ich habe aus Vergeßlichkeit den Schlüssel in der Hausthüre stecken lassen. Ein fremder Herr ist im Empfangszimmer, der Sie sprechen will." Philipp Mangold war ein alter, gebückt einherschreitender Männ, auf dessen Gesichte Gram und Kummer tiefe Spuren zurückgelassen hatten. Bei seinem Eintritte in das Empfangszimmer erhob sich Rüben und ging ihm einige Schritte entgegen. „Was wünschen Sie, mein Herr?" fragte der Hauseigenthümer. „Ich komme," antwortete Rüben, „um das Vermächtnis eines Verstorbenen, das mir durch göttliche Fügung geworden, in Ausführung zu bringen. Der Mann, von dem ich rede, war ein Hausirer und hieß Joseph Dalberger." Als Philipp Mangold diesen Namen hörte, erzitterte er am ganzen Körper, dann ergriff er einen Stuhl und setzte sich. Rüben nahm ihm gegenüber Platz. „So ist Joseph Dalberger todt!" sagte der Hausherr, tief aufseufzend. „Er und seine Frau", antwortete Nuben, „sind bereits vrr 6 Jahren gestorben, aber erst vor kurzer Zeit ist diese Aufzeichnung in meinen Besitz gelangt." Bei diesen Worten überreichte er dem ihm Gegenüber sitzenden den mit hebräischen Schriftzügeu beschriebenen Zettel, den er in Leah's Medaillon gefunden hatte. Der alte Mann nahm den Zettel, aber er las ihn nicht. „Was ist aus Laura geworden?" fragte er. „Ihre Frage," antwortete Rüben, „beweist mir, daß der Inhalt dieses Zettels auf Wahrheit beruht. Bor 6 Jahren sind Joseph Dalberger und dessen Frau, kurz nacheinander in A. gestorben. Die 10jährige Leah . . . ." „Ganz recht", unterbrach ihn der alte Mann, „Leah nannte der Hausirer das Kind." „Die 10jährige Leah", fuhr Nuben zu reden fort, „war nun ganz verlassen; sie mußte von Haus zu Haus, von Ort zu Ort betteln gehen, und jetzt lebt sie in Kummer und Elend, als ein verworfenes Geschöpf, in einem Hause der Sünde." Als der alte Mann diese schreckliche Erzählung vernahm, stieß er einen fürchterlichen Schrei aus, sprang auf, raufte sich das spärliche Haupthaar aus' und fing bitterlich an zu weinen. „Wehe mir, wehe mir", rief er, „wie werde ich jemals mein Verbrechen sühnen können! Wie wird der allmächtige Gott mit mir ins Gericht gehen!" Dann besann er sich, daß er nicht allein sei. „Wehe", rief er auf's Neue, „jetzt habe ich mich verrathen! Doch was thuts? Vielleicht ist es besser, wenn man mich hier dem irdischen Richter