Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1879)
- Date
- 1879-12-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1362 unserer Thora erblickten, um so die übrige Thora noch tiefer herabwürdigen zu können. So lange es eine Thora gibt, besaß jeder Satz derselben eine gleichgroße Heiligkeit, sind z. B. die Worte aus Esaw's Geschlechtsregister yjon ronai nicht weniger heilig als es der Decalog ist, warum muß in der Zweibrückener Reform-Synagoge die Gemeinde während des Vorlesens der nnznn mspy sich stellen? Alle derartigen Vorschriften in den modernen Tempeln, die über die diesbezüglichen religionsgesetzlichen Bestimmungen hinausgehen und ein Stehen und Sitzen, womöglich nach dem Tacte vorschreiben, machen ja diese Vornahmen nicht von dem inneren Gehalte der Gebete abhängig, nicht einmal von der Bequemlichkeit der Gemeinde, sondern lediglich von Anstandsrücksichten, die man thörichter Weise den nichtjüdischen Besuchern des jüdischen Gotteshauses schuldig zu sein glaubt. Noch hat kein Christ oder Muhamedaner die Gebetordnung seiner Kirche oder Moschee mit Rücksicht darauf eingerichtet, daß sie den Beifall jüdischer Besucher habe, warum soll denn für unsere Synagogen unjüdische Geschmacksrichtung maßgebend sein? Diese Mittelchen helfen auch nichts. In vielen Synagogen hat man sich Wunder welche Erfolge versprochen von der Ausmerzung unserer jüdischen Bräuche und Gebete, was haben wir damit erreicht? Wir? Nichts. Das Rischuß aber hat einen Höhepunkt erreicht, der mit den Orgeln, gemischten Chören, deutschen Gebeten, mit denen man alle Rischußgeister bannen zu können vermeinte, in einem gar merkwürdigen Gegensatz steht. Kehren wir zu der Zweibrückener Synagogen- Ordnung zurück: „Es istNiemanden gestattet, auch dem Cantor „und den Hilfsvorbetern nicht, am nao'D und „Versöhnungstage die Schuhe oder Stiefel „auszuziehen; ebenso venig ist es gestattet, „sich mit dem Tvdtenhemd zu bekleiden." Warum? Nun, der Ausschuß will eS so. Aber etwas Sinn mußte doch eigentlich auch in diesem kindlichen Spiele liegen. Fürchtet man eine Erkältung der Gemeinde? Am dürfte das doch nicht zu befürchten sein, und daß es die Zweibrückener in vvn nsipn selbst frieren sollte, ist eine Zumuthung, die ein einigermaßen anständiger Ausschuß doch nicht voraussetzen dürfte. Ist etwa der bekannte liebe Friede mit im Spiel, der eben möchte, daß die ganze Gemeinde auf gutem Fuße steht, und deshalb die Schuhe und Stiefel selbst an den Füßen des Cantors und Hilfsvorbeters nicht missen will? Aber warum wäre dann das Tvdtenhemd am Versöhnungstag verpönt, dieses ergreifende Symbol des keine feindlichen Gegensätze mehr kennenden Todes? Es bleibt kein Ausweg, man scheint in Zweibrücken das Entfchuhen der Füße und das Anlegen des Todtenhemdes für etwas Unanständiges, gegen den guten Ton verstoßendes, den christlichen Synagogenbesuchern unangenehm Berührendes zu halten. Ohne Zweifel werden die Verstorbenen der Zweibrücker Cultusgemeinden in Frack und Glacehandschuhen beerdigt, damit sie einst salonfähig vor ihrem himmlischen Richter erscheinen, denn was für die Lebenden recht ist, ist für die Todten billig. Ohne Zweifel weiß man dort nichts M'hr von dem n:vü m, in welchem Gottes heiliger Wille die Entschuhung sogar gesetzlich vorschreibt, z. B. bei dem Chalizäh-Acte, was doch nicht gut möglich wäre, wenn es wirklich eine Unanständigkeit wäre. Gewiß weiß man dort eben sowenig davon, daß ein Moses, ein Josua gerade in besonders gehobenen Momenten die Schuhe vom Fuße lösten, das Alles muß man dort vergessen haben, denn sonst müßte man sich doch in die L>eele hinein schämen, sich einer Verrichtung zu schämen, die der größte Mensch auf Erden zu verrichten nicht nur nicht unter seiner Würde hielt, sondern mit welche er gerade der Heiligkeit des Augenblicks den entsprechenden Ausdruck gab. (Schluß folgt.) Friedberg, 5. Dec. Schon lange strebten unsere Glaubensgenossen in unserer Stadt und Umgegend dahin, den am hiesigen Seminar befindlichen Zöglingen isr. Confession Unterricht in hebräischen Fächern ertheilen zu lassen. Am Orte selbst ist keine hinreichende Kraft dafür vorhanden und alle diesbezüglichen Anstrengungen waren bisher ohne Erfolg gewesen. Den unausgesetzten Bemühungen einiger hervorragender Mitglieder unserer Gemeinde, besonders denen des Herrn Meyer Hirsch, eines rüstigen, von Gottesfurcht und Liebe zur Thora erfüllten 80jährigen Greises, war es gelungen, das Interesse des Herrn Rabbiners Dr. Horovitz zu Frankfurt a. M. für die höchst dringende Angelegenheit zu gewinnen. In Folge dessen crtheilt seit einigen Wochen Herr Dr. Heilbut, einer der an der isr. Religionsschvle zu Frankfurt a. M. angestelltcn Lehrer, den isr. Seminaristen am hiesigen Orte den jüdischen Unterricht. Einen ausführlichen Unterrichtsplan hoffe ich in Bälde mittheilen zu können. (Jüd. Presse.) Karlsruhe, im Kislew. Von der'isr. Religionsgesellschaft hierfelbst ist schon längere Zeit in Ihrem geschätzten Organ nicht die Rede ge-