Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1879)
- Date
- 1879-12-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447845--16955-2472959- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1997 Diese Erzählung trägt schon darin, daß sie >ie drei Religionen hereinzieht (den Juden als gläubiger, den Christen als Schuldner und den Türken als Richter), sowie in dem Mangel sonstiger geschichtlicher Unterlagen, das Gepräge der Erfindung an sich. Es gab drei Sultane Soliman; >er erste'starb 1410, der zweite, berühmteste 1566, »er dritte 1691. Das Novellenbuch JlPecorone, sie das Lied vom Juden Gernutus sind ebenfalls »ichterische Erzeugnisse, wie den mittelalterlichen lovellensammlungen: den Gesta Romanorum, den lente novelle antiche, dem Aventuroso Ciciliano um Busano, dem Decamerone des Boccacio jc. er Jude sehr häufig — gradeso wie in der moernen Novelle und Posse — zur drastischen oder mnoristischen Ausschmückung benutzt wird. Dage-!en macht die Erzählung vom Urtheilsspruch des Papstes Sixtus V. den überzeugenden Eindruck »er geschichtlichen Wahrheit, da sie auf historisch »eglaubten Vorgängen — der Eroberung von St. dominico durch Franz Drake, der energisch ein- >reifenden Persönlichkeit des Papstes Sixtus V., einer Bauthätigkert, der Darstellung in einer fast gleichzeitig erschienenen Biographie des Papstes Lixtus — beruht. Und dieser Vorgang war ein )eiterlebniß für Shakespeare! Er ereignete sich lcht Jahre vor der ersten Aufführung des Kaufnann von Venedig. Unsere Verehrung für den dichter Shakespeare wird dadurch in Nichts gelindert, daß er nach den ältesten Novellen und »en judenfeindlichen Ueberlieferun gen die teuflische Veite — die in der That ein Christ mit einem Zuden einging, umkehrte. Wissen wir doch, daß »er geniale Dichter auch in seinem herrlichen Drama, >em gleichfalls in Venedig spielenden Othello, iner Abneigung, die mit der heutzutage wieder ufgefrischten Antipathie gegen die sogenannten Semiten" vollkommen gleichläuft: der gegen die chwarze Farbe ein Opfer brachte, obschon der beühmte venetianische Feldherr kein Mohr war, ondern Mauro hieß. Gervinus drückt (III. S. 178) diese Aehnlichkeit es Rac nhaffes der „Arier" gegen „Semiten" nd „Chamiten" (schwarze) sehr'bezeichnend in en Worten aus: „Es ruhte auf ihm (Othello) sie auf den Angehörigen des Judenvolkes der stecken der Unebenbürtigkeit und das Schicksal er Ausstoßung; je mehr ihn seine Verdienste mancipirten, desto empfindlicher, kann man sich enken, mußten ihm die einzelnen Reste dieser Zorurtheile sein. Ehe er aber zu diesem allgeleinen Ansehen kam, sein ganzes Leben hindurch, rußte sich Groll und Verbitterung über diese Zaria-Lage in ihm festgesetzt haben." — Aber — so wenig Sympathie auch Shakespeare den ihm persönlich unbekannten Inden entgegenbringen konnte — wie tief, wie gewaltig hat er dem Schmerz des unterdrückten Juden Ausdruck gegeben! Wie verschwinden hinter dieser Tragik moderne Versuche, von denen ich nur Mosenthal'S schwächliches Machwerk Deborah nenne, in dem ein Dichter jüdischen Bekenntnisses sich so weit vergriff, eine in ihrer Liebe tief gekränkte und verstoßene Jüdin nach Jahren noch als racheschnaubende Pristerin des Gottes der Rache darzustelleu! Shylok — und Deborah! Wahrlich der unsterbliche Shakespeare hat tiefer und inniger als Mosenthal es empfunden und ausgesprochen: das tausendjährge Leid, das den Juden zugefügt worden — und in Nadelstichen noch immer zugefügt wird. Das Ergebniß von alle Dem ist: Das Thatsächliche von Shylok, die Fleischwette, die Gier nach Christenfleisch, der Wahrspruch des weisen Daniel — ist Dichtung, ja hat sich umgekehrt zugetragen. Nicht einen Juden trifft die Schuld hierfür. Die dichterische Ausführung des Shylok bleibt aber für alle Zeiten wahr und ergreifend, als der tiefste SchmerzenSruf und Wehschrei eines verfolgten, verhöhnten Juden! Und in diesem Sinne muß jeden „Antisemiten", der klar denkt und richtig empfindet, ein Gefühl innigster Beschämung durchdringen, wenn er den „Kaufmann von Venedig" sieht oder liest. Shakespeare liefert darin keinen Beitrag „zur Judenfr^ge" in der heutzutage beliebten Weise. Aeitit«gS«ack*ichten und Correfporrdenze«. Deutschland. Stuttgart, 30. November. Bei den in den nächsten Tagen stattfindenden Gemeinderathswahlen in Stuttgart wird sich der Kampf hauptsächlich um einen Israeliten drehen. Die eine Partei, wozu Conservative und Pietisten gehören, ist antisemitisch gestimmt und verwirft deßhalb die Wiederwahl des einzigen Juden im Gemeinderath, des Hofraths Levi. Dagegen haben nun die Bürgervereine der Stadt und die freisinnigen Elemente der Bürgerschaft Levi wieder auf ihre Liste gesetzt, weil sie gerade im Hinblick auf die jetzige Zeitftrömung Männern aller Confessionen, die sonst tüchtig erscheinen, gerecht werden wollen.