Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1879)
- Date
- 1879-12-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1296 und des Herzog'« erfährt, wie Gnad e in christlicher G esinn u ng andere Thaten wirkt, als der unbarmherzige Götze der Welt, der ihm allein seine Gesetze schrieb." Kein Wunder, wenn in solcher Voreingonmmenheit Gervinus es tadelt, daß „in dieser Zeit der Verwilderung von Kunst und Sitte die Gemeinheit und Verrücktheit so weit gehen konnte, aus diesem Auswurf der Menschheit auf der Bühne einen Märtyrer zu machen." (Das hat bekanntlich Dawison in genialer Weife gethan.) Shakespeare habe — meint Gervinus — den Shylok wohl, um ihm nicht ganz unter unser Interesse herabsinken zu lassen, die Empfindung seiner Parialage gegeben, van Emancipation der Juden aber habe er nichts gewußt, am Allerwenigsten von der dieses Juden, den Burbadge zu Shakespeare's Zeit abschreckend, langnasig, rothhaarig gegeben und dessen innere Häßlichkeit weniger von Neligionsbigotterie, als von dem schrecklichsten Fa- Fanatißmus, des Geizes und Wuchers, bestimmt sei. Nümelin,in seinen Shakesvearestudien, 1874' sagt weit treffender: dem Shylok liege die Judenverachtung der älteren Qeiten zu Grunde. Der berühmte Rechtslehrer Jhering führt in seinem „Kampf um's Recht" aus, daß Shyloks Schein an sich nichtig, weil unsittlich war. Wenn er aber für gültig erklärt wurde, dann war der Richterspruch der Portia ein „elender Winkelzug." Nach dem römischen Zwölftafelgesetz durfte ein Gläubiger seinen zahlungsfähigen Schuldner in partes secare, in Stücke theilen, ohne daß ein Mehr oder Minder im Schnitt ihm nachtheilg war: si plus minusve secerit, sine frante esto. Wie schön führt nun Jhering weiter aus: Die gewaltige Tragik liege darin, daß Shylok, ein Jude des Mittelalters, den Glauben an das Recht hat, man möchte sagen, daß er sich für ebenso gut hält als ein Christ und daß dann die Katastrophe über ihn hereinbricht und ihn belehrt, daß er nichts ist als der Jude des Mittelalters, dem man sein Recht gibt, wenn man ihn darum betrügt. Rümelin fügt hinzu: „Diejenigen, die Shakespeare zu einem christlichen Dichter stempeln, möchten sich den Bekehrungszwang Shyloks doch aä notam nehmen. Denn wem der Glaube der Kirche eine wirkliche Herzenssache ist, wird so etwas auch nicht einmal beiläufig aus der Feder fließen." Nur der unphilosophische, ja antiphilosophische Geist von Gervinus habe das fertig gebracht. Ich füge hinzu: Shakespeare hat die mördeische Wette und den schlauen Richterspruch des Papstes mit zwei alten Erzählungen verknüpft: von den drei Kästchen und von einer ähnlichen Fleischwette, die sich, jene in den gesta Romanorum cpt. 48, di-ffe in der Novellensammlung des Oiovani Biorvutino: II Bsooorous vom Jahre 1378, gedruckt 1554 (4. Tag 1) (abgedruckt in Prölß. Kaufmann von Venedig) findet. Hier ist alleraings ein Jude der Fleischfordernde. Ein sterbender Vater in Florenz empfahl feinem enterbten Sohn Giannoto seinem Pathe Messer Ansaldo in Venedig. Er wird von diesem, einem reichen Manne, an Kindesstatt angenommen, reist mit dessen Schätzen nach Alexandrien, wird unterwegs von einer Syrene, derSchönen Bckmonte. gefesselt mittelst Schlaftrunks auf eine hier nicht gut wiederzugebende Weise seiner Schätze beraubt. Trotzdem zieht es ihn noch einmal mit gleichem Mißerfolge zu ihr. Auch zum dritten Male reist er nach Belmonte mit Schäden, die sein Pflegevater nur durch Darlehnaufnahme (Erborgung von 10,000 Scudi) bei einem Juden ihm verschaffen konnte. Der Jude hat sich für den Nichtzahlungsfall ein Pfund Fleisch des Messers Ansaldo bedungen. Giannoto ist dies-- mal glücklicher, weil er vor dem Schlaftrunk gewarnt wird. Er heirathet die reiche Circe von Belmonte und vergißt in seiner Freude des Pflegevaters, dem nun der Jude den Proceß macht. Endlich am Johannistage denkt Giannoto daran, erzählt den Vorgang seiner Frau und reist nach Venedig. Heimlich macht auch diese sich dahin auf und spielt, als Richter verkleidet, ganz so den weisen Daniel, wie in der Geschichte Sixtus, bei Shakespeare Porzia. Ja, auch die Mystification mit dem Ringe, den sie von Giannoto alr Lohn für das Urtheil fordert, steht schon in dieser Novelle. Auch gibt es ein von Eschenburg übersetztes englisches Lied von Percy, von der Grausamkeit Gernuti, eines Juden, der einem Kaufmann 100 Kronen lieh und ein Pfand von seinem Fleische begehrte, weil er ihn zur gesetzten Zeit nicht bezahlen konnte. (Abgedruckt bei Prölß a. a. O.) Hier ist offenbar der Christ Giannoto in den Juden Gernutus verwandelt. Ferner erwähnt Grison in seiner „Schule des Mißbrauchs" 1579 ein Stück „Der Jude", das die Habsucht weltlicher Freier und die Blutgier der Wucherer" darstelle. ^Gervinus, Shakespeare H. 53.) Endlich erzählt Schudt (a. a. O.) nach Zwinger, Bd. 7 Ibeatrum vitae bnmanae 4. 1913 und Martin Delrio L. 4 Disquis Magio Braeamb. p. m. 251 von einem Juden in Konstantinopel, der einem armen Christen gegen 4 Loth Fleisch von seinem Leibe geliehen, und von Sultan Soliman'S ähnlichem Richterspruch.