Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1879)
- Date
- 1879-11-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1280 Feuilleton. Per neue Hberamtmann. Erzählung aus dem dritten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts von S. KoHtt, Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Bollwitz rief: „Unser angebeteter Herr und Fürst!" und Leipnik glaubte zu träumen; doch erinnerte er sich als religiöser, pflichtreuer Jude, daß er gehalten sei bei dem Anblicke eines gekrönten Hauptes, die vorgeschriebene Benediktion auszusprechen und er lispelte leise: „Gelobt sei Gott unser Herr, der von seiner Herrlichkeit auch irdischen Wesen gegeben!" Der Kaiser hatte in seiner Milde und Liebenswürdigkeit für Jeden ein beruhigendes Wort. „Stehen Sie auf, Herr Baron! Sie haben keinen Grund sich zu demüthigen; Sie kamen lange nicht an unseren Hof, der Kniefall ist abgeschafft, Sie haben nicht nöthig sich zu entschuldigen, Sie glaubten eben einen Vaaabunden vor sich zu haben, der sich einen fremden Namen angeeignet; — aber Sie thaten mir unrecht, ich habe nie behauptet, daß ich Ihr neuer Oberamtmann sei; — aber ich will es anderseits allerdings nicht in Abrede stellen, daß mein Schweigen eine theilweise Bestätigung Ihrer Präl'umption war. Ich versichere Sie mit meinem Worte, daß ich Ihnen Ihr hefi tiges Benehmen, durchaus nicht übel nehm', Sie waren in einem leicht begreiflichen Jrrthum besangen, errare humanum est *)! Und Sie, Oberamtmann, stehen Sie auf, treiben Ste keine Narrens- Possen! augenblicklich erheben Sie sich, ich, der Kaiser, befehl' es Ihnen! ' und als der zerknirschte Amtmann sich mit einem kreideweißen, von gelben Ertflecken geriegertem Gesichte zitternd erhob, konnte sich Kaiser Josef eines lauten Lachens nicht erwehren, in das zuerst seine Cavaliere, dann alle Anwesenden bescheiden einstimmten, der Amtmann fühlte sich durch diesen Heilerkeitsausbruch beruhigt, und der Kaiser fuhr mit freundlichem Humore fort: „Wenn Sie da behauptet haben, ein formidabeler Dummkopf zu sein, will ich als höflicher Mann nnch darüber nicht in weitschweifige Disputationen mtt Ihnen einlassen, da ich voraussetzen sollte, daß Sie sich besser kennen, als ich Sie. Ueber Ihren übermäßigen Eifer, mich und meinen Freund Rosenberg einsperren zu lassen, zürne ich Ihnen gar nicht, und verzeihe Ihnen auch Ihre wohlwollende auf Menschenveredlung und Besserung abzielende Absicht — jeden von uns väterlich, mit einer nicht allzugeringen Zahl von Stockschlägen zu bedenken" — der unglückselige Amtmann schauerte bei der Entdeckung feiner entsetzlichen, hochverrätherischen Gedanken zusammen, als wollte er in sich selbst verkriechen — „aber" der Kaiser war wieder ernst geworden. „Sie übernehmen ein wichtiges Amt und eine große Verantwortlichkeit, Sie sind Oberamtmann und zugleich Justiziär auf den großen Herrschaften des Her^n Baron Pellwald; ich habe mich auf dieser meiner Reise davon überzeugt, das Wohl und Weh vieler Tausende liegt in den Händen der Amtleute und Justiziare, und Sie flößen mir nicht das Vertrauen ein, daß Sie Ihr Amt mit jener Unparteilichkeit, Gerechtigkeit, richtig angewandter Strenge, richtig angewandter Milde, welche jenes erfordert, verwalken werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Jene, welche sich vor Höhergestellten zu tief beugen und demüthigen, in der Regel die Tyrannen und Bedrücker ihrer Untergebenen werden. Sie haben sich zuerst vor Ihrem Patron, s äter vor mir in nahezu menschenunwürdiger Weise gedehmüthiat; — während Sie mit unschöner, widriger Heftigkeit und einer gewissen freudigen Gier unsere Verhaftung vornehmen lassen wollten." „Euer Majestät!" rief der Baron, „wenn der Mann das Unglück hat, Allerhöchst dero Mißfallen erregt zu haben, so will ich ihn sofort entlassen." „Nein, Baron, das wünsche ich nicht; vielleicht wird dieser Graf, als Oekonom ein tüchtiger Fachmann, vielleicht ein bedeutender Jurist sein, — und vielleicht sind meine Worte nicht wirkungslos geblieben, und er kann noch ein tüchtiger Beamter werden. Es soll mich freuen, Amtmann Graf, wenn diese Stunde keine verlorene in Ihrem /eben war; doch sage ich es Ihnen offen, ich werde dem Kreisamte, Ihrer unmittelbaren Oderbehörde, den Befehl ertheilen lassen, Sie scharf zu beobachten , und mir Bericht über Sie zu erstatten. Sollten meine Befürchtungen eintreten; — bann sind Sie lange genug Amtmann gewesen; — aber ich will das Bessere hoffen." „Euer Majestät, darf ich es allerunterthänigst wagen, die ehrfurchstvollste Bitte auszusprechen, mein Schloß durch Allerhöchstdero Gegenwart zu beglücken?" frug der Baron. Ich danke, Baron, Sie waren ja soeben 1) Irren ist menschlich.