Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1879)
- Date
- 1879-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447843--16903-2472905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1247 Palästina. Jerusalem. Bei Gelegenheit feiner Reise durch Syrien und Kleinasien besuchte der englische Gesandte bei der Pforte, Sir Henry Layard, auch Jerusalem. Bei den bei ihm erschienenen Vorständen und Rabbincn der Gemeinden erkundigte er sich sorgfältig nach den Verhältnissen und Bedürfnissen der Israeliten. Die Kinder der isr. Schulen überreichten ihm eine zu seinem Lobe verfaßte Hymne. (Jew. Ehr) Egypten. Kairo. Unser Glaubensgenosse, Herr Blum (Blum-Paschah) ist von Neuem vom Khediven zum Unterstaatssecretär der Finanzen ernannt worden. (Arch. Isr.) Feuilleton. Kabbi Zoselmann von Kosheim. Eine historische Erzählung. (Zweites Buch.) XV. Wenn Rabbi Joselmann glaubte, durch die im vorigen Capitel mitgetheilten Gesetze und Verordnungen, den Judenhaß mit der Wurzel aus. rotten zu können, so hatte er einen bedeutenden Factor nicht in Betracht gezogen, und das war der Neid, der Concurrenzneid. Es hat schon manchen Geschichtsforscher die eigenthümliche Erscheinung beschäftigt, daß die Juden in der ersten Hälfte des Mittelalters in Ehre und Achtung standen, in Ruhe und Frieden wohnten, sich verschiedentlicher Rechte, Freiheiten und Privilegien erfreuten und nicht gedrückt und verfolgt wurden. Die Verfolgungen begannen erst in der zweiten Hälfte des Mittelalters, im elften Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung; auch damals t aten sie erst sporadisch auf, bis sie im zwölften, dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert immer häufiger und schrecklicher wurden und um die Mitte des 14. Jahrhunderts (1349) den höchsten Grad erreichten. Von jener Zeit nehmen zwar die sogenannten „Judenschlachten" ab; desto häufiger wurden die Verbannungen und Vertreibungen. Fast sämmtliche deutsche Städte vertrieben im fünfzehnten Jahrhundert ihre jüdische Bevölkerung und im sechzehnten Jahrhundert wäre wahrscheinlich kein Jude in Deutschland geblieben, wenn nicht Rabbi Joselmann's gottgefegnete Thätigkeit*) dem Toben der Judenfeinde einen Damm entgegengestellt hätte. Woher erklärt sich nun die merkwürdige Erscheinung. daß die Juden in der ersten Hälfte des Mittelalters, da die Sitten noch roher, die Glaubenssinnigkeit noch stärker und ausschließlicher war. trotzdem die Juden wohlgelitten, in Ruhe und Sicherheit, unbehelligt und unbeschwert l bten, während trotz zunehmender Bildung und Verfeinerung der Judenhaß so schreckliche Früchte zeitigte? Die Gründe dafür sind darin zu suchen, daß es in den ersten Jahrhunderten in Deutschland keine eigentlichen Städte und kein eigentliches Bürgerthum gab. Die Bevölkerung bestand aus Dynasten, Adeligen, freien Bauern und Hörigen. Allen diesen waren die Juden als Händler und Vermittler hochwillkommen, sie alle bedurften der Juden, die ihnen den Ueberfluß an den Erzeugnissen des Bodens und der Viehzucht abkauften und sie mit dem versorgten., was ihnen fehlte: mit Sammt und Seide, mit Gold- und Silberschmuck, mit Gewürzen und anderen Erzeugnissen südlicher Länder; die um mäßigen Zins baares Geld herliehen, welches bei mancherlei Gelegenheiten der Fürst wie der hörige Bauer bedurfte. Im zehnten, elften Jahrhundett, durch die Einfälle der Hunnen veranlaßt, entstanden die festen Städte, in denen sich allmählich ein Bürgerthum heranbildete, von dem ein Theil dem Handel oblag und dem die handeltreibenden Juden unbequem wurden. Von daher datirt sich der Judenhaß. Es war der Neid, der Concurrenz-Neid, der allerlei wahnsinnige Beschuldigungen erfand, um der Verhaßten los und ledig zu werden. Dieser vom Neide geborene Haß trieb zu den Judenverfolgungen, und als im Zeitalter der Renaissance die Sitten milder und feiner wurden, da schlachtete man die Juden nicht mehr ab aber man suchte sich die lästigen Concurrenten durch Vertreibung derselben zu entledigen. Dazu kam, gerade für die Zeit, in welcher unsere Geschichte spielt, noch ein anderes Momcnt. Durch die Entdeckung von America, und noch mehr durch die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien hatten die Handelsverhältnisse Europas eine andere Wendung genommen. Die bisherigen Handelswege hatten Deutschland als Mittelpunkt Europa's vielfach durchzogen. Jetzt wurden Spanier und Portugiesen, Engländer und Holländer handel- *) „Alle seine Unternehmungen zu Gunsten seiner Glaubensgenossen" waren von Erfolg gekrönt," sagt von ihm L’abb6Gysa (in der Geschichte der Stabt Sberehnheim).