Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1879)
- Date
- 1879-11-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1227 Trier. Soeben erfahre ich aus zuverlässiger Quelle, daß die Regierung die ungeschmälerten Rechte der aus der hiesigen Gemeinde ausgetretenen Mitglieder der Religionsgesellschaft an den Gemeindefriedehof anerkannt hat. Feuilleton. Der neue Hberamtmann. Erzählung aus dem dritten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts von S. Kohlt, Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Sechstes Kapitel. Im Sommer wurde auf Schloß Brauschitz täglich der schwarze Kaffee nach Tisch im Schloßgarten unter einer hohen Linde eingenommen. Der Baron und seine Gemahlin saßen noch am Kaffeetische. jener paffte eine Pfeife, die Baronin betrachtete still vergnügt ihre noch immer schönen Hände, Anna arbeitete schon an einer Stickerei, während Berthold am Teichrande stand, die Enten mit Steinen bewarf und andere ähnliche Unfuge verübte. Der Baron befand sich in höchst ungnädiger Laune. Heute war der 17. Juli, es war schon drei Uhr, Nachmittags, und der Oberamtmann und der Erzieher, die nach dem Schreiben des ersteren schon um zehn Uhr, Vormittags, dem gnädigen Patron ihre Huldigungen hätten zu Füßen legen sollen, waren noch immer nicht angelangt, diese horrende Unpünktlichkeit erschien ihm als eine grobe Verletzung der pflichtschuldigen Ehrfurcht. „Der saubere Graf mit seinem Spießgesellen Rosenberg wird sich bei mir keines freundlichen Empfanges zu erfreuen haben", knurrte der Baron, „ich werde Ihnen mit einem tüchtigen Donnerwetter auf den Kops fahren; was soll denn diese abscheuliche Unregelmäßigkeit bedeuten?" „Aber lieber Papa", hatte Anna anzuwenden, „ich kann es gar nicht begreifen, daß ein so kluger und erfahrener Mann wie Du, so ungeduldig werden und sich vielleicht ganz grundlos so ereifern kann! Vielleicht ist den beiden Herren unterwegs irgend ein Unfall arrivirt." Zur großen Verwunderung des Barons trat diesmal seine Gemahlin, die in der Regel den Ansichten ihrer Stieftochter energisch opponirte. ihren Ansichten bei und vertheitigte die Abwesenden. „Anna hat ja vollkommen recht", meinte sie, „wie leicht kann nicht ein Wagenrad gebrochen sein, man soll Niemanden verurtheilen, ohne ihn gehört zu haben." „Das ist schon richtig", mußte der Baron einräumen; „aber weißt Du, wenn ich die Leute gleich das Erstemal tüchtig andonnere, so schadet das gar nichts, auch wenn es ganz unverdient ist — das flößt ihnen gleich einen wohlthätigen Respect ein, und den können diese Sorte Menschen uns gegenüber nie genug besitzen." Während die freiherrliche Familie so am Kaffeetische plauderte. war Bollwitz mit einem Buche in der Hand in den Gartengängen herumgeftrichen und hatte sich zufälligerweise der Ausgangsthüre genähert, und sah durch diese drei Personen eintreten, von denen er nur einen, den Juden Leipnik aus dem Dorfe, kannte. Dieser wollte sich jetzt eben mit einem ehrerbietigen Gruße entfernen, aber der Mann in der Mitte hielt ihn zurück. „Kommen Sie nur mit", sprach er mit seiner wohlklingenden Stimme, „ich will sogleich die Angelegenheit, die Sie mir so eben vorgetragen zur Entscheidung bringen, und Sie werden möglicherweise sofort in die Lage gelangen, Ihrer Verlobten und deren Familie Angenehmes berichten zu können." Leipaik lächelte verlegen und ungläubig. „Ich würde recht sehr bitten, mir gütigst zu gestatten, mich zurückziehen zu dürfen; — ich bin vollkommen überzeugt, daß seine freiherrliche Gnaden, meine Anwesenheit bei Ihrer ersten Vorstellung nicht gnädig vermerken würde." Da das Gespräch laut geführt wurde, konnte Bollwitz jedes Wort hören, er grüßte die Ankömmlinge. die einen günstigen Eindruck auf ihn machten und sprach wohlwollend. „Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß die beiden Herren, jene sind, die vom Herrn Baron Pellwald mit großer Ungeduld erwartet werden; und ich weiß in der That nicht, ob die aufgeregte Stimmung meines Vetters durch die unberufene Anwesenheit eines seiner Unterthanen verbessert würde. — Sind Sie Herr Graf oder Herr Rosenberg?" wandte sich der Fähnrich an den Letzten „Ich heiße allerdings so", entgegnete dieser kalt, fast unhöflich; der Andere aber beeilte sich das etwas schroffe Benehmen seines Begleiters zu mildern und sprach: „Ich danke Ihnen recht sehr für das Wohlwollen, das Sie einem Ihnen ganz Fremden ent-