Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1879)
- Date
- 1879-11-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1203 ter- und Ober - Realschüler, Handelsakademiker und sogar auch Lehramtscandidaten, in allerdings einfacher aber würdiger Weise mit einer nahrhaften Mittagskost versorgt, daß er ferner seinen Kostnehmern die Beschämungen erspart, denen sie anderwärts leicht ausgesetzt sind, daß nämlich die erwachsenen Lernbedürstigen nicht, Bettlern gleich, in den Küchen von Privalhäusern, oder in Gesellschaft solcher Personen, deren schlechtes Beispiel nur verderblich auf die Juaend wirken muß, ihre Mittagszeit zubringen. Alles das läßt die humane Idee des Freitisch-Vereins in ihrem wahren Lichte erkennen und zeigt wie sehr er der allgemeinen Theilnahme würdig ist. Dieser Zweck kann aber nur durch Anspannung aller Kräfte erreicht werden, es erlaubt sich daher der Vorstand die Bitte, cs möge Jedermann nach seinen Kräften den Verein unterstützen, für denselben thunlichst neue Gönner werben, um dadurch den Verein in den Stand zu setzen, allen an ihn gestellten Anforderungen möglichst entsprechen zu können. Feuilleton. Der neue Höeramtmann. Erzählung aus dem dritten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts von S. Kohu, Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Leipnik hatte eine Wanderung ohne bestimmtes Ziel vor sich, er war in Ungarn fremd und unbekannt, er besaß keinen Paß, kein Reisedokument, das ihn drüben im fremden Lande beglaubigen konnte, nichts als einen Chower J) seines Lokalrabbiners, mit dem er sich in den Judengemeinden des Nachbarlandes ausweisen konnte. Leipnik war je länger er ging, desto trauriger geworden; er hatte wie dies am flachen Laude üblich ist, zuerst die des Weges Vorüberziehenden gegrüßt, aber von Niemandem eine freundliche Erwiderung, höchstens ein Zeichen der Verachtung, einen halblauten Fluch erhalten; etwas später war er von Burschen, die in einem Gebüsch versteckt waren, mit Greinen beworfen worden, von denen ihn einer empfindlich getroffen. Hätte er von seiner Körperkraft Gebrauch machen und den nichtsnutzigen 1) Hebräisch geschriebenes Zerrgniß. Jungen die wohlverdiente Züchtigung für ihren grausamen Muthwillen angedeihen lassen wollen, so hätte ihn Niemand daran verhindern können; aber trotzdem sein Blut warm aufwallte, unterließ er dies doch; zum Theil aus angeborener Gutmüthigkeit, und vielleicht mehr noch aus dem Grunde, weil er befürchten mochte, daß die gezüchtigten Buben sowohl als deren Angehörige an schwachen jüdischen Personen, etwa Greisen, Frauen, i Kindern gemeine Rache üben würden. Daß solche! kleine mißliebige Abenteuer, einem Menschen, der j mit schwerem Herzen von der Heimath scheidend,! einer vorläufig gestaltlosen Zukunft entgegengeht,! kaum zu erheitern vermögen, ist leicht begreiflich.! Leipnik war schon einige Stunden gegangen; i als nach und nach die Straße öder zu werden bej gann, die Bauern und Bäuerinnen, welche Sonni tags die Kirche besuchten, waren schon in diefer,! landwirtbschaftliche Arbeiten, Wirthshausvesuch und i Lustbarkeiten waren während der Kirchenzert strengj stens verboten, und es gab daher für Niemanden 1 Veranlassung sich jetzt im Freien zu befinden und; so konnte es Leipnik nicht auffallen, daß er jetzt, es war neun Uhr Vormittags, schon eine volle Stunde keinem Menschen auf der Straße begegnet war. Die Sonne begann nun schon tüchtig zu brennen und Leipnik zog es nun vor, jetzt feine Schritte durch den Wald, zu dem er gelangt war, zu lenken. Er machte hierbei zwar einen gewaltigen Umweg; aber er war einige Stunden vor den brennenden Sonnenstrahlen geschützt. Der Waldweg war ein vielfach gewundener und verästeter und jetzt von keinem Menschen betreten. Leipnik mochte wohl schon eine Stunde in voller Waldeseinsamkeit allein mit seinen Gedanken gewandelt kein; als er zu seiner Ueberraschung plötzlich Stimmen hörte, und sich bei einer Wegeinbiegung zwei Männern gegenüber fand. Der eine, > rechts gehend, mochte etwa sechs bis acht und! zwanzig Jahre zählen, er trug eine einfache, aber i sehr elegante Reisekleidung. Die stramme aufrechte! Haltung des jungen Mannes machte Leipnrk ge-; neigt, ihn für einen jener zahlreichen entlassenen Officiere zu erkennen, welche am Ende des siebenjährigen Krieges, nach dem Hubertsburger Frieden, aus der österreichischen Armee entlassen worden waren. Er war mittelgroß, in seinem wohlgeform-; len leicht gerötheten Gesichte, das von einem kleinen Backenbarte eingerahmt war, fielen zuerst die prächtigen großen, geistvollen blauen Augen j auf; wenn er sprach oder lächelte ward eine Oberreihe gleicher und herrlicher Zähne sichtbar, wäh- ' rend die untere Reihe durch die kirschrothe, aber j etwas stärkere und etwas vortretende Lippe theil» | weise verdeckt wurde. Sein Begleiter mochte um