Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1879)
- Date
- 1879-10-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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. 1176 -- v //£/'/ ]r / IV f - ■ / alle! Juden der deutschen Lande Artikel und Ordnung verfassen, in denen offener und versteckter Wucher auf das Strengste verboten wird. Ihr aber meine gnädige Herren, nehmet in das Gutachten, das Ihr abzugeben habt, weiter nichts auf als die Bestimmung, daß der Wucher verboten werde." „»Der Jude spricht vernünftig,"" sagte vr. Cochiäus von Dresden, „„ich selbst stand dabei, als der Kaiser ihm Wort und Handschlag gab."" Die Uebrigen stimmten zu. Rabbi Joselmann, zufrieden mit dem Resultate der Verhandlung, sandte sofort Boten in alle Gauen Deutschlands und berief die Rabbinen und Vorsteher der Gaue nach Augsburg. Mehr Schwierigkeiten fand Rabbi Joselmann in Bezug auf die von ihm erstrebte Andienz beim Kaiser. Dieser war gar sehr in Anspruch genommen. Die Kirchenstreitigkeiten, die Vorbereitungen für den Türkenkrieg, die projectirte Wahl des Erherzogs Ferdinand zum römischen Könige, die Regierung seiner vielen Länder und Reiche, die vielfachen Verhandlungen mit den fremden Gesandtschaften — das Alles ließ den Kaiser, der äußerst gewissenhaft seinen Pflichten oblag und Alles, Alles selbst besorgte und erledigte, nicht einen Augenblick zur Ruhe kommen. Und ebenso beschäftigt wieder Kaiser waren auch seine beiden Minister, Granvella, der Vater des später so berühmt gewordenen Cardinals gleichen Namens, und los Covod. Letzterer war ein äußerst liebenswürdiger, leutseliger und gnädiger Herr; die größte Schwierigkeit bestand darin, vor ihn zu kommen. Da erfuhr Rabbi Joselmann zufällig, daß des Ministers edle und anmuthige Gemahlin, Donna Maria de Mendoza, aus jüdischem Blute stamme, und er beschloß, sie aufzusuchen. Wiewohl er nun durch einen Dolmetscher zu der Spanierin zu reden vermochte, nahm er sie doch so für sich ein. daß sie ihm versprach, ihm durch Vermittelung ihres Gemahls die gewünschte Audienz beim Kaiser za verschaffen. Und so gewichtig war der Dame Einfluß auf ihren Eheherrn und so sehr hörte der Kaiser auf den Rath seinen Ministers, daß er, keine andere Zeit zur Audienz findend, dem Befehlshaber der Juden den Befehl ertheilen ließ, während der kaiserlichen Tafel sich dem Beherrscher der halben We.t vorzustellen. Kaiser Carl V. aß stets allein; nicht einmal seinem Bruder, dem König Ferdinand, erlaubte er, mit ihm an einer Tafel zu speisen; der durfte wohl zusehen, den Hut in der Hand; aber sich zu dem Kaiser au den Tisch setzen, durfte er nicht. Auch sprach der Kaiser während des Essens nicht, wiewohl der Speisesaal mit den vornehmsten Fürsten und Herren angefüllt war, die alle dem Kaiser , beim Speisen zusehen durften. Hinter seinem Stuhle standen die Schalksnarren, die allerlei Possen ■ rissen. Sagten sie etwas recht Kurzweiliges, so lächelte der Kaiser, sprach aber nie ein Wort. Junge Fürsten trugen die Speisen auf, stets 24 j Gerichte auf einmal. Diese wurden auf die Tafel! gestellt und die Deckel — einer nach dem andern! von den Schüsseln genommen. Gegen die Gerichte, i deren Carl nicht begehrte, schüttelte er den Kopf; wovon er aber essen wollte, dazu nickte er mit dem Kopf und zog die Schüssel zu sich. Dreimal während der Mahlzeit trank er. Die Toctoren der Medicin, die stets vor dem Tische standen, reichten ihm den Wein, der zu den von ihm ausgewählten Speisen paßte. Die Mahlzeit währte ungefähr eine Stunde; dann ließ der Kaiser das Zratias beten und stellte sich in eine Ecke dss Zimmers. In diesem Augenblicke gab los Covos dem Befehlshaber der Juden ein Zeichen, daß er zu dem Kaiser hinantreten solle. „Ah, Joselin," sagte der Kaiser freundlich, „Du kömmst, mich an die Einlösung meines Wortes zu erinnern. Zwar die Reichsstmde opponiren ..." Carl unterbrach sich selbst, den Einwand Joselin's erwartend. „„Majestät,"" sagte dieser, „„ich habe den ReichSständen versprochen, ihre Beschwerden gegen meine Brüder abzuftellen und Artikel und Ordnungen für die Juden aufzurichten?'" „Das ist recht. Thue das, Joselin, und lege die Artikel und Ordnungen dem Reichstage vor; ich habe unterdeß unter den Freiheitsbriefen, die Du meinem Bruder, Seiner Hoheit, dem König Ferdinand, in Abschrift überreicht hast, denjenigen ausgewählt, welchen Kaiser Siegismund, seligen Gedächtnisses, für den Elsaß erlassen; ich will ihn» auf ganz Deutschland ausdehnen. Du kannst Dir» morgen in meiner Canzlei eine Abschrift holen.» Bist Du mit mir zufrieden, mein lieber Jo-g felin?" B Statt der Antwort neigte sich Rabbi Josel-8 mann, um den Saum des kaiserlichen Gewandes» zu küssen. (Fortsetzung folgt). Hierzu vier Bettagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. Z. G ot t s l e b e n's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).