Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-10-22 · Heft 43 (22.10.1879) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 43 (22.10.1879)
Date
1879-10-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447839--16788-2472786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

1147 Feuilleton. Waböi Joselmann von Uosheim. Eine historische Erzählung. (Zweites Buch.) XII. Nach langer Abwesenheit kehrte Kaiser Carl V.! nach Deutschland zurück, um im Jahre 1530 iin! Augsburg einen Reichstag abzuhalten. So viel i Glanz hatte Augsburg noch nicht gesehen; fast j alle Fürsten des Reichs kamen mit glanzendem Hof- ■ staate; den Kurfürsten Albrecht von Mainz beglei-! teten, außer seinen Beamten und Dienern 130 Reiter seiner Leibgarde in scharlachrothen Waffenröcken,! mit blinkenden Helmen und Lanzen. Es schien mehr, man versammele sich zu einer Kaiserkrönung oder zu einem Vermählungsfeste als lediglich zu einem einfachen Reichstage, und doch lagerte tiefer Ernst auf der Kampfesstätte, wo neben einigen j politischen Angelegenheiten die höchsten geistigen; Güter und Interessen, welche seit 13 Jahren die; deutsche Nation bewegten, ausgekämpst und zur! Entscheidung gebracht werden sollten. Daher waren alle Parteien'mit den vorzüglichsten ihrer geistigen! Kampfeskräfte ausgezogen. j Was Deutschland an geistigen Talenten besaß, versammelte sied jetzt in Augsburg. Alle Fürsten und Reichsstände führten die! ausgezeichnetsten ihrer Rechtsgelehrten, Theologen > und' Diplomaten mit sich. Im Gefolge des Kurfürsten Johann von Sachsen allein befanden sich eine ganze Reihe berühmter Gelehrter: die Kanzler Dr. Georg Brück und Dr. Bayer, dann ^Justus Jonas, Georg Spalatin, Philipp Melanchton und Johann Agricola, Dr. Martin Luther befand sich zwar auch in der Begleitung des Kurfürsten; allein wegen der kaiserlichen Acht und des päpstlichen Bannes war derselbe auf dem Schlosse zu Coburg zurückgelassen worden. Auch der jüdische Befehlshaber, der Jude Joselin von Rosheim, hatte sich mit einem großen Gefolge von Dienern und Pferden in Ausburg zum Reichstage eingefunden. Auch für ihn galt es einen schweren Kampf zu kämpfen. Noch hatte Kaiser Carl V. die Privilegien und Schutzbriefe, welche die früheren Kaiser erlassen, nicht bestätigt; und zu den alten Be-! schuldigungen gegen die Juden hatte sich eine neue,! gefahrdrohende gestellt. Sultan Soliman war in einem glänzenden! Eroberungszuge bis an die Mauern von Wien j vorgedrungen. Ganz Europa erzitterte vor den siegreichen Türken. Da hatten die Judenfeinde auSgesprengt, die Juden hätten sich verschworen, sich mit den Feinden der Christenheit zu verbinden und das Land den Türken auszuliefern. Und diese lhörichte Beschuldigung wurde überall geglaubt und Katholiken wie Lutheraner, gegeneinander vom furchtbarsten Hasse erfüllt, waren darin einig, daß die strengsten Maßregeln gegen die Juden ergriffen, daß sie sammt und sonders aus ganz Deutschland ausgewiesen werden sollten. Daß der Kaiser dieser furchtbaren Maßregel zustimmen würde, daran zweifelte Niemand. Der Kaiser hatte erst vor ganz kurzer Zeit einen Beweis feiner Gesinnung gegen die Juden gegeben. Der König von Portugal wollte nämlich in seinem Lande die Inquisition nach spanischem Muster einrichte», um die Marannen (Neuchristen, heimliche Juden) mit Feuer und Schwert vertilgen zu können. Pabst Clemens VII., ein gebildeter, humaner Medicäer, weigerte sich entschieden, dazu seine Einwilligung zu geben. Als nun Carl im Jahre 1529 sich von Spanien nach Italien begab, um mit dem Pabste Frieden zu schließen, da machte der Kaiser es zu einer der Friedensbedingungen, daß der Pabst die Einführung der Inquisition in Portugal gestalte. Lange widerstrebte Pabst Clemens; allein er mußte sich dem entschiedenen Willen des Kaisers fügen, wodurch unsägliches Elend über Tausende heimlicher Juden in Portugal gebracht wurde. Dienstag. 15. April, hielt der Kaiser seinen Einzug in Augsburg. Rath und Bürgerschaft hatten alles aufgeboten, um den Enkel des ihnen so gewogenen Kaisers Maximilian würdig und herzlich zu empfangen und sich auch seine Gnade und Huld zu erwerben. Festlich hatte man Thore und Straßen mit Teppichen, Kränzen. Maien und Fahnen geschmückt, und auf dem Wege, auf welchem der Kaiser kam, wogte Jung und Alt in bunten Gruppen einher. Die Kurfürsten. Fürsten und Reichs stände, unter ihnen auch der Befehlshaber der Jaden, waren mit ihrem sämmtlichen Hofstaate dem Kaiser entgegengeritten, bis sie des Kaisers ansichtig wurden. Da stiegen sie alle von ihren Pferden und gingen dem Kaiser zu Fuß entgegen. Als Carl das bemerkte, stieg auch er ab und ging freundlich grüßend auf die Fürsten seines Reiches zu. Der Erzkanzler des deutschen Reichs, der Kurfürst und Cardinal, Erzbischof von Mainz, hielt die Begrüßungsrede. Er sprach: „Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster, Unüberwindlichster, Gnädiger Kaiser und Herr!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.