Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1879)
- Date
- 1879-10-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1124 Menschen betäuben, bethören kann; — Weritsch schöpfte wieder frischen Muth. er wollte Alles, was in seinen leider schwachen Kräften stand, aufbieten, um sein ersehntes Ziel zu erreichen; er wollte eS versuchen, den stolzen Baron bei seiner schwachen Seite zu fassen und er sagte leise mit zitternder Stimme: „Hochfreiherrliche Gnaden! — Fürst Lichtenstein hat vor vier Jahren einem armen Juden eine erledigte Familie geschenkt!" Der Baron war herzlich froh, einen Vorwand gefunden zu haben, sich mit Anstand ereifern zu können und er fuhr zornig auf: „Wie kann Er sich unterstehen, seiner Herrschaft Vorschriften zu machen: — was geht mich Fürst Lichtenstein an!" „Aber Papa'chen!" rief Anna, an den Vater herantretead und ihm die glühenden Wangen streichelnd, „dem armen Menschen ist e's ja gar nicht eingefallen, Dir eine Vorschrift zu machen, er hat ja nur erzählt, was der Fürst Lichtenstein gethan hat — ob er sich vielleicht dabei im Herzen denkt, daß der Baron Pellwald auch einer der vornehmsten Cavaliere, und wenn auch nicht Fürst, so doch vielleicht von eben so altem Adel wie seine Durchlaucht der Herr Fürst von Lichtenstein ist, und diesem nicht an Großmuth nachstehen will, weiß ich freilich nicht." Die grobkörnige Schmeichelei des lieblichen Mädchens blieb allerdings nicht eindruckslos auf den Baron; aber sie hatte doch nur die eine Wirkung, daß er sich entschloß, den Bittwerber hinzuhalten und er sagte zu diesem in weit milderem Tone: „Na, na, mit dem Fürsten Lichtenstein, mit dem reichsten Cavalier in Oesterreich, kann ich mich nicht vergleichen, der besitzt neunundneunzigtausend Herrschaften.ich kann ihm über den Preis der Familie gar nichts sagen — jedenfalls will ich ihn so viel als möglich berücksichtigen, — aber darüber muß er mit meinem Oberamtmann sprechen." „Freiherrliche Gnaden! der Herr Oberamtmann ist ja gestorben!" „Dummer Kerl!" entgegnete der Baron in halbem Scherze, „daß ich den Todten nicht mein', hätt' Er sich wohl denken können, aber am 17. um zehn Uhr Vormittags trifft der neue hier ein, ein gewisser Rosenberg." „Pardon, geehrter Herr Baron," wagte der Fähnrich schüchtern zu berichten, „Rosenberg heißt der Hofmeister unseres Beihold, den wir erwarten, der Oberamtmann heißt Graf." „Ja, ja, Sie haben recht," entgegnete der Baron zerstreut, „der Amtmann heißt Graf, der Hofmeister Rosenberg; — aber der Name thut ja nichts zur Sache, Er muß halt mit dem neuen Oberamtmann sprechen, das gehört in sein Ressort." Der Baron nickte leicht mit dem Kopfe, um anzudeuten, daß die Audienz beendet sei, und Veit Weritsch ging, nachdem er sich tief verbeugt hatte, tiefbetrübt von dannen; er wußte es, er hatte für sein Kind und seinen Neffen nichts zu erwarten. Drittes Kapitel. Nachdem der Jude gegangen, war eine unangenehme Pause eingetreten. Der Pfarrer war der erste, der sie unterbrach. „Ich bedaure die armen Leute aufrichtig," sprach er, „und wenn es in meiner Macht stünde, ihnen zu helfen, würde ich es von Herzen gerne thun, ich spreche ungern über ein bestehendes Gesetz ein abfälliges Urtheil aus, aber jenes, das in Mähren nur dem erstgebornen Juden zu heirathen gestattet, ist — sehr hart." „Ich muß es Ihnen gestehen, Herr Pfarrer,' daß mir Ihre Sympathie für diesen verkommenen Menschenschlag unbegreiflich ist," meinte die Baronin, „ich kenne diese Menschen gar nicht; ich habe noch nie einen Juden gesprochen, — und der da — ist ein kecker, aufdringlicher Mensch, der sich erfrechte, meinem Gemahle Vorschriften zu machen, und indirekt verlangte, mein guter Mann möge ihm nur so geradezu eine Judenfamilie, die vielleicht fünftausend Gulden werty ist, schenken. Philipp, ich muß Dir mein Compliment über Deine Geduld und Haltung machen, i ch hätte den unverschämten Menschen mit Hunden aas dem Garten hetzen lassen." „Das hatte der Mann nicht — wenigstens! durch sein Benehmen nicht verdient," bemerkte zums allgemeinen Erstaunen der sonst so gedrückte Boll-8 Witz. „Ich kann mich leicht in die Lage der Ver-8 lobten versetzen und mir denken, wie endlos tief es einen zärtlichen Vater schmerzen mag! Die zwei Menschen lieben einander und wen.: ihnen Gott nicht ein Wunder erweist, oder die Großmuth meines edlen Vetters sie aus ihrer trübseligen Lage befreit, so können sie nie — ewig nicht mit einander verbunden werden, — das ist ein entsetzlicher Schmerz!" j Bollwitz stieß unwillkührlich einen tiefen Seufzet aus, und da dieser zu seinem angenehmen Schrecken bei Anna ein Echo fand, ward er plötzlich betreten und sein Gesicht ward von flammender Röthe übergossen.