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Der Israelit · 1879-10-15 · Heft 42 (15.10.1879) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 42 (15.10.1879)
Date
1879-10-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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1125 „Albernheiten!" Was sind das für abgeschmackte zürnte die Baronin, „Cousin! Sie sprechen von dieser miserablen Bagage, als wenn dies Menschen wie wir wären — das sind ja die verachtetsten, die Parias der menschlichen Gesellschaft!" „Aber Mama, wie kannst Du gar so abfällig über Leute urtheilen, die Du gar nicht kennst? so arg können sie doch nicht sein: wenn der hochwürdige Herr Pfarrer sie als brave Leute bezeichnete, so hat er gewiß gute Gründe dafür!" „Die habe ich auch!" rief der würdige Greis mit leuchtenden Augen. „Gestatten Sie mir, hochfreiherrliche Gnaden," wandte er sich an die Baronin, „diese mitzutheilen, und ich bin überzaugt, hochdero edles Herz wird dann milder urtheilen. Veit Weritsch's Neffe, Jakob Leipnik. ist einer der bravsten Menschen, die ich kenne. Seine Mutter war 'eine Schwester des Weritsch und an einen Lehrer verheirathet. Sie starb im zweiten Wochenbette, als sie eben Jakob das Leben gegeben hatte, und da ihr Mann ihr bald im Tode nachfolgte, blieben zwei Kinder im zartesten Alter zurück. Weritsch nahm sich seiner beiden völlig verwaisten Neffen werkthätig und großmüthig an, und es war das für ihn ein um so größeres Opfer, als er damals noch unverheirathet war, und sich dadurch seine Verehelichung erschwerte, weil sich nicht leicht ein Mädchen entschließen mochte, an zwei ihr ganz fremden Kindern Mutterstelle zu vertreten. Da Weritsch so glücklich war, ein mährischer Familiant, daher heirathsberechtigt zu sein, wurden ihm mehrere reiche Partien angetragen; aber die Mädchen sowohl als deren Anverwandte stellten die Bedingung, Weritsch solle zuerst die fremden Kinder aus dem Hause geben. Er wies diese Zumuthung standhaft und unerschütterlich zurück, und erst als er zweiunddreißig Jahre alt war, gelang es ihm, eine arme Waise als Weib heimzuführen, welche versprach, auch den elternlosen Knaben Mutter zu sein und die auch redlich Wort hielt. Weritsch wurde zuerst ein Sohn, dann eine Tochter geboren, seine Ehe war in den ersten zwei Jahren eine glückliche gewesen; aber schon in dem dritten Jahre derselben wurde er von einem herben Unglücksfall betroffen, fein erstgeborener Knabe erblindete vollständig, und Weritsch ertrug dies mit einer Ruhe, die von einem starken Charakter und einer Gottgläubigkeit Zeugniß gibt, die ich manchem Christen aus voller Seele wünschen würde. Während es ihm nicht möglich war, seinen eigenen Sohn, fein Fleisch und Blut, seiner Blindheit wegen zu einem nützlichen Menschen heranzubilden, ließ er sich doch nicht davon abhalten, seine beiden Neffen, Levi und Jakob, gehörig unterrichten, und als sie heranwuchsen, für einen Beruf vorbereiten zu lassen. Die beiden Neffen dankten ihm für seine Liebe und Großmuth durch eine rührende Anhänglichkeit. Als Levi daS Alter erreichte, eine Ehe eiugehen zu können — er war der Erstgeborene und daher heirathsberechtigt — gab er ihm einige hundert Gulden, so daß er sich .ein kleines Geschäftchen einrichten und einen eigenen Heerd gründen konnte. Mittlerweile war auch Weritsch's Tochter zu einer anmuthigen Jungfrau herangewachsen und Jakob und Hanna gewannen einander lieb. Gott hatte Weritsch in seinen Geschäften gesegnet, und als die beiden jungen Menschen ihm offen ihre Gefü le gestanden, ertheilte er ihnen von ganzem Herzen seine Einwilligung. Er hoffte damals für seinen Neffen und zukünftigen Schwiegersohn irgendwo in Mähren ein- Familiennummer erkaufen zu können. Mit einemmale verdüsterte sich der Horizont dieses Kreises, wie Weritsch hier selbst erzählte, verarmte er vor vier Jahren plötzlich unverschuldet, ein Jahr später, gerade als Lewi's Frau einen Knaben geboren, ward jener in einem Walde von ruchlosen Händen meuchlerisch erschlagen und seines Vermögens beraubt, und Jakob Leipnik übernahm die Verpflichtung, für seine arme Schwägerin und deren Kind zu sorgen." „Es war dies ein großes Unglück," unterbrach Bollwitz den Pfarrer, „aber, wenn ich mich nicht irre, mußte der Tod seines Bruders dem Jakob Leipnik doch insofern zu Gute kommen, als er in das Erstgeburtsrecht seines Bruders aufrückte; — oder ist es nicht so?" „Sie vergaßen, daß Jakobs Glück sein kleiner Neffe, seines Bruders Lewi's Sohn, entgegenstand, auf den ging die Familie über, und der damals vier Wochen alte Knabe war der einzige Heirathsberechtigte seines Namens, während ihm — Jakob Leipnik — selbst durch das Gesetz dieses Menschenrecht versagt war! — und — eben in dieser Richtung lernte ich vor wenigen Monaten den edlen Charakter Leipniks kennen." (Fortsetzung folgt)

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