Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1879)
- Date
- 1879-10-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1122 vorhandene Möglichkeit der Wiederanstellung „ eines alten collegialischen Freundes" zur Unmöglichkeit machen werdest. — In Beziehung auf Deine geehrte Zuschrift kann ich Dir daher gewiß zu Deiner aufrichtigen Freude mittheilen, daß sich hier zu dem letzgenannten Zwecke ein neues Comito gebildet, welches energisch vorangehen und in einer Adresse an den Vorstand, auf Grundlagen, die für beide Theile billig und annehmbar sind. meine Wiederanstellung beantragen. Diese Adresse ist bereits mit nahe an 300 Unterschriften bedeckt und wird, wie wir hoffen, wenn unterdessen kein anderer Rabbiner die Stelle annimmt oder dem Vorstande Zusagen macht, gewiß zu einem günstigen Resultate führen. Unter Begrüßung der lieben Deinigen Dein treuer S t e i n." Vier Wochen nach Empfang dieses Briefes, am 7. Februar, gab G., der alte, in so schöner Position sich befindliche collegialische Freund, die Zusage zur Annahme des Frankfurter Rabbinats. Es ist schade, daß, während die Eingaben an die verschiedenen Gemeindebehörden bei Bewerbung resp. Berufung zu einem Rabbinate veröffentlicht sind, gar kein Brief an den Frankfurter Gemeindevorstand oder an die Freunde, die ihn zur Annahme aufforderten, vorhanden ist; hier haben wir eine bedauerliche Lücke. Wir würden z. B. über einen merkwürdigen Widerspruch Aufklärung erhalten. Am 21. Januar wird die Petition der Frankfurter, welche Steines Wiederanftellung verlangt, verworfen; am 25. schon gibt G. dem Breslauer Vorstande Bericht, daß er den Antrag, das Rabbinat in Frankfurt anzunehmen, abgelehnt habe und an demselben 25. Januar schreibt er in einem nur theilweise veröffentlichten Briefe an M. A. Stern: „die armen Kinder (seine Schülerinnen) haben heiße Thränen vergossen, als sie hörten, ich wolle von hier Weggehen". Ein fester Entschluß, nicht anzunehmen, scheint niemals dagewesen zu sein, dieses Schwanken scheint auch die Verwerfung der Petiton seitens des Gemeindevorstandes in Frankfurt gefördert und die nochmalige Entsendung einer Deputation veranlaßt zu haben. Genug, auch hier hat die Befriedigung persönlichen Ehrgeizes über die Bedenklichkeit, einem „alten collegialischen Freunde" wehe zu thun, gesiegt. Nebenbei sei bemerkt, daß sich Frankfurt wohl nicht so sehr um den Besitz G.'s bemüht, wenn man damals gewußt hätte, wie abfällig derselbe einstens über Frankfurt und die Frankfurter urtheileg werde. Nachdem er Frankfurt verlassen und nach Berlin übergesiedelt war, schreibt er unterm 26.12. 71 an M. A. Stern: „Es ist eine eigenthümliche Stadt, dieses Frankfurt, unsere Geburtsstätte. Sie kann tüchtige Männer Hervorbringen; ist aber Jemand dazu gelangt, so muß er entweder hinaus, um seine entwickelten Kräfte in angemessenem Kreise zu verwerthen, bleibt er daselbst, entweder zum Niveau des Reinpraktischen herabgedrückt, oder er wird ein Sonderling. Ich behage mich dort, wenn ich kurz als Gast weile; während der Zeit, daß ich dort dauernd zu wirken berufen war, war es mir schrecklich unheimlich, während ich hier vom ersten Augenblick an mich voll befriedigt fühle". Nun contrastirt dieses, freilich nicht sehr schmeichelhafte Urtheil über Frankfurt gewaltig mit dem, was er über seine Stellung dort im Anfänge seiner Amtswaltung schreibt. Da ist er außer sich vor Entzücken über die Verhältnisse in dortiger Stadt, da scheint er vom ersten Augenblick an mehr als voll befriedigt zu sein. Ja, eine Trauung sogar gibt ihm Gelegenheit zu einer brieflichen Aeußerung, aus der wir entnehmen können, daß es ihm gar wohl in Frankfurt gefallen haben muß. „Den 14." —so schreibt er unterm 15.10. 63 an Wechsler — hatte ich eine Trauung, wie sie fast hier nur vorkommt. Die Tochter des Herrn Weisweiller, des Rothschild'schen Geschäftsführers in Madrid, der aber dort eine große Stellung einnimmt, mit dessen Neffen, der gleichfalls im Hause ist und wiederum schon eine Bedeutung erlangt hat. Ein solches Publikum hat nicht leicht ein Rabbiner, mehrere Gesandte, der Herzog Max von Bayern (Schwiegervater des Kaisers von Oesterreich) u. drgl. Gestern war die Feier des 18. October und wieder eine ebenso ausgewählte wie glänzende Zuhörerschaft aus der Gemeinde. Und ich darf bei allen diesen Gelegenheiten mit meinen Erfolgen zufrieden sein." Diese so herzliche Freude über die glänzende Zuhörerschaft , sich so glücklich zu fühlen, in den höheren Regionen der menschlichen Gesellschaft sich amtirend zu bewegen, so glücklich, daß man dem Freunde recht nachdrucksvoll erklärt, was oas denn eigentlich für Leute seien, mit denen man da in Berührung gekommen: daß der Geschäftsführer des Rothschild'schen Hauses in Madrid nicht etwa ein gewöhnlich Bediensteter sei, daß derselbe vielmehr selbst „eine große Stellung" einnehme, und daß der junge Ehemann, wenn auch nur Neffe dieses Geschäftsführers, doch auch „schon eine Bedeutung erlangt" habe — diese Freude könnte eine kindliche genannt werden, wenn sie nicht der Ausdruck eines ernsten, gelehrten Mannes, der im Amte! ergraut, wäre. Es war wohl schon der Mühe werth, in einer Stadt Rabbiner zu werden, selbst mit Hintansetzung der Gefühle der Freundschaft, wo man ein so glänzendes, ordenbesterntes, durch-