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Der Israelit · 1879-10-15 · Heft 42 (15.10.1879) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 42 (15.10.1879)
Date
1879-10-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1120 „„Segne Euch Gott für dieses Wort! Eben dieser traurigen Angelegenheit halber bin ich zu Euch gekommen. Ihr könnt Euch denken, daß mir viel daran liegt, die Unschuld meiner Glaubensgenossen, auch nach deren Hinrichtung, zu beweisen, damit solche schreckliche Anschuldigungen nicht wieder so traurigen Erfolg haben. Der Mann des schändlichen Weibes, das die Lüge ausgesprengt, hat Verdacht geschöpft; er hat seine Frau im Schlafe sprechen hören; Euch wird er um Ruth fragen, ob er sein eigenes Weib verrathen soll, darf oder muß! Ich bitte Euch, ehrwürdiger Herr, ich beschwöre Euch, tragt das Eurige dazu bei, daß die Unschuld gerechtfertigt werde!"" „Es hätte Eurer Fürsprache nicht bedurft, Herr Befehlshaber! Auch ohne diese hätte ich meinen Einfluß aufgewandt, das Verbrechen an's Licht zu ziehen und die Unschuld vor aller Welt anerkannt zu sehen." „Habet Dank, edler Mann. Kann ich Euch vielleicht in irgend etwas dienen?"" „Daß ich nicht wüßte!" /,„Jhr prüft die Schriften des Doctor Martin?"" „Mein Herz zieht mich zur neuen Lehre; wenn ich die genügenden Mittel hätte — ich ginge nach Wittenberg, um unter Martina*) und Philipps**) zu studiren." „„Erlaubt mir, daß ich Euch diese Mittel gewähre." " „Das wolltet Ihr thun? ich werde Euch ewig dankbar sein." Rabbi Joselmann ging; er kehrte auf Umwegen in die Stadt zurück, damit er dem Bauern Ivo nicht begegne. Am Tage darauf wurde Emmerentia, die Frau des Bauern Ivo zu Baisingen, der fahrlässigen Tödtung ihres Kindes und der wissentlichen Lüge, in Folge deren 36 Menschen unschuldig!waren verbrannt worden, angeklagt. Es bedurfte des peinlichen Verhörs nicht. Das Weib bekannte die volle Wahrheit und wurde zum Feuertode verurtheilt; es erhängte sich jedoch im Gefängnisse. £4 „O Gott", sprach Rabbi Joselmann in seinem Herzen, „wäre ich doch früher gekommen! Aber Du hast es so gewollt, o Gott, Dein heiliger Namen sei gepriesen!" Der Caplan von der Wallfahrtskirche zu Orb * i vmfjer. ) Melanchthon. legte seine Stelle nieder, und zog, von Rab! Joselmaun reichlich ausgestattet, gen Wittenbc: Rabbi Joselmann wollte nun nach Hause z rückkehren. Da kam ein Bote und brachte r schreckliche Nachricht, daß in Brünn in Mähr dieselbe Beschuldigung gegen die Juden erhob sei worden, wie in Baisingen, daß bereits vie Juden eingekerkert seien, daß einige den Qual der Tortur erlagen und daß das Richtschwert g zückt sei gegen alle Juden von Mähren. „O Gott", sprach Rabbi Joselmann, als i biefe Schreckensbotschaft vernahm, „wie wunderb, sind Deine Wege! Die 36 unschuldig Gemordet! in Baisingen werden den Tausenden in Mähu das Leben retten. Nachdem die Unschuld dies Heiligen so klar zu Tage getreten, wird es ei Leichtes sein, die in Mähren vom Tode Bedrohte zu erretten." Er trat sofort die Reise nach Brünn an. Aber das Befreiungswerk war nicht so leich als er es sich gedacht hatte. Man sagte, wen auch die Juden von Baisingen unschuldig warei so sind es doch die von Mähren nicht. Mit Müh gelang es, einen Aufschub der Procedur zu ei wirken. Rabbi Joselmann erzählt in seinem Tag buche, daß er. nachdem er die Angelegenheit m den größten Rabbinen Deutschlands und Oestei reichs überlegt habe, veranlaßt worden sei, nai Günzburg zu reisen und dort eine Denkschrift ab zufassen, in welcher er ausführlich jene wahrrsn nige Beschuldigung, daß Juden Christenblut brau chen, widerlegte. Dieser Denkschrift legte er di Abschriften sämmtlicher Schutz- und Freiheitsbriefe welche Kaiser und Päbste den Juden im Laus der Jahrhunderte verliehen hatten, bei. Dies Denkschrift, sammt den erwähnten Abschriften sandte er an den König Ferdinand. „Und, Gott sei gedankt", so schließt Rabb Joselmann diese Episode, „der König und sein Räthe anerkannten unsre Unschuld, und sie spräche zu den Eingekerkerten: Gehet frei aus." So wur den unter göttlichem Beistände, die dem Tod noch nicht Preisgegebenen errettet. Du aber, Gott, mögest der Heiligen gedenken, die freudü und gern zur Heiligung Deines Namens ihr Lebe hingegeben. Um ihretwillen mögest Du uns Dein Gnade und Deinen Beistand stets und immer z Theil werden lassen!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Nedaction: Or. Lehmann in Ma.nz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gott sleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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