Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 40-41 (13.9.1879)
- Date
- 1879-09-13
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1098 da werden wir ja gleich hören, um was er bittet." Eigentlich hätte sich der Pfarrer jetzt empfehlen sollen, da es sich doch nur um ein Geschäft seines Kirchenpatrons handelte; aber da er möglicherweise durch seine Anwesenheit dem Bittsteller nützen konnte, entschloß er sich nach kurzem Bedenken zu bleiben. Zweites Kapitel. Einige Minuten später stand Veit Weritsch, tief gebückt, in demüthiger Haltung, vor dem Baron. Es war dies ein Mann in den beginnenden fünfzig mit ergrauendem Kopfhaare und Vollbarte, lang, blaß, mager, er trug einen Vollbart, und ob wohl ihn dieser vollkommen als Juden kenntlich machte, trug er doch am Rockärmel den gelben Fleck, das Zeichen der Schmach, das sinnlose Barbarei, nicht den Juden — sich selbst aufgedrückt hatte, und welches erst durch Kaiser Josef aufgehoben wurde. „Was bringt Er Schönes?" frug der Baron so cordial, daß der Jude freudig bewegt seine schwarzen, glänzenden Augen auf den Grundherrn richtete. „Hochfreiherrliche Gnaden! ich habe eine gewattig, große Bitte. Ich habe nur zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter; der Sohn ist ein unglücklicher Mensch, er ist blind, und dadurch seines freundlichen Lebens müde; — er ist zwar ein Familiant, aber — wer wird einen blinden Mann heirathen? — und wie kann der Unglückliche daran denken, Weib und Kind zu ernähren; — bleibt mir also nur noch die Tochter, ein braves, rechtschaffenes, tugendhaftes Mädchen, die ich weit lieber als ich lebe, glücklich machen möchte. Ick habe meine Tochter mit meinem Neffen Jakob Leipnik verlobt, er ist eia zweitgeborener Sohn, ich war. als ich ihn meinem Kinde verlobte, ein reicher Mann; ich hoffte, daß ich irgendwo in Mähren eine erledigte Familienstelle für ihn erlangen würde, — eS waren volle zwei Jahre vergangen bevor eine solche auf den Graf Hoditz'schen Herrschaften frei wurde; — aber ein Anderer bot eine Riesensumme für dieselbe, ich aber — ich war mittlerweile ein armer Mann geworden!" „Wie so ist Er verarmt?"'frug der Baron mit verdüsterter Miene. „Ich war, wie hochfreiherrliche Gnaden wissen, Viehhändler und mein Vermögen steckte in meinem Stalle, plötzlich war aus Polen eine Viehseuche nach Mähren eingeschleppt worden, in wenigen Tagen fielen mir' achzig Ochsen — ich war ein armer Mann geworden." „Das ist schlimm für Ihn", meinte der Baron unwirsch. „Seine Hochwürden, der Herr Pfarrer, kennt mich", fuhr der Jude tiefaufathmend fort, „mein Herz hangt nicht an irdischem Gute, obwohl der Jude das Geld nothwendiger braucht als irgend ein anderer Mensch auf Gottes weiter Erde, da er ja Alles, das Recht Gottes freie Luft athmen zu dürfen, bezahlen muß." „Bleib' Er bei der Stange und raisonnir Er nicht, solche Aeußerungen gegen die Gesetze will ich nicht hören — es thät mir leid um Ihn, wenn Er mit meinem Gefängnisse oder dem Halseisen nähere Bekanntschaft machen sollte." „Mein Herz hängt nicht am Gelde, freiherrliche Gnaden! aber es hängt mit unzerreißbaren Banden an meinen Kindern," fuhr der Jude fort, „meine Hanna ist nun durch volle sechs Jahre Braut, und sie und ihr wackerer Verlobter stehen noch so weit vom Ziele entfernt, als sie je gestanden — hochfreihcrrliche Gnaden wissen es, früher wagten es Einzelne, sich vom Rabbiner ohne Einwilligung der Behörden tra en zu lassen — sie waren dann vor Gott und ihrem Gewissen rein, aber man hat die Strafen dafür bis zur Unerträglichkeit verschärft; vor Kurzem ist in Trietch ein Rabbiner, der Eheleute ohne Gebermälbewilligung getraut hat — man nennt solche Ehepaare im Munde unseres Volkes Emigranten — zu acht Jahren Kerkerstrafe, die Getrauten zu vieljähriger Zuchthausstrafe verurtheilt worden, jetzt wagt Niemand mehr das Staatsgesetz zu übertreten — und . . . es ist das hart, sehr hart, gnädigster Herr! Mein Neffe liebt mein Kind, meine Tochter liebt ihn wieder, er ist ein braver, fleißiger Mensch — mein Gott! wie soll das enden?" „Freilich, freilich", meinte der Baron, sich im Sprechen seine Pfeffe anbrennend, „da muß er halt trachten, sich eine erledigte Nummer zu verschaffen; gegen das Gesetz kann Niemand was unternehmen, in Mähren dürfen sich halt die Juden nicht vermehren, es darf nur der erstgeborene Sohn heirathen, nur wenn der kinderlos stirbt, kanu der jüngere heirathen; — jede Gemeinde, jede Herrschaft weiß wie, viel Juden sie hat, und die Zahl bleibt sich halt immer gleich — wenn auch in einer Familie mehrere Kinder geboren werden, es nützt halt nichts; es kann ja nur einer heirathen. und die anlern müssen absterben, — ja freilich es ist ja wie Er's gesagt hat, es haben's Einige versucht, sich ohne behördliche Bewilligung trauen zu lassen, aber es ist ihnen übel bekommen; man geht mit der größten Rigorosität gegen solche Uebertretungen vor — und was wahr ist, ist wahr, — das muß man Euch Juden lassen, ein sittenreines