Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 40-41 (13.9.1879)
- Date
- 1879-09-13
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1090 Volk seid Ihr, — ich bade von der Geschichte gehört, der Kreishauptmann hat mir's selbst erzählt, hätten die dummen Kerle, die zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt wurden, nur gesagt, wir sind nicht copulirt, so wären sie mit einer kleinen (strafe durchgekommen; damit nimmt man'S nicht so genau — aber nein! das wollten sie um keinen Preis zugeben, sie schrieen als wenn sie am Spieße stäken: Nein, unsere Kinder sind ehrliche Kinder, wir sind nach unserm Ritus copulirt worden .... hm! — da bleibt Ihm wohl nichts anderes übrig als daß sich sein Neffe irgendwo eine Familienstelle verschafft — ä propos Hochwürden!" wandte er sich an den Pfarrer, „dürfen denn beim Juden Geschwisterkinder untereinander heirathen?” Der Pfarrer bejahte, der Jude begann Hoffnung zu schöpfen und sprach: ' „Hochfreiherrliche Gnaden! Die Bitte, die ich allerunterthänigst Vorbringen will, ist folgende: Ein auf Hochdero Herrschaft geborener Judenfamiliant, Josef Sonnenfeld, hat sich vor Kurzem in Wien taufen lassen, ist zum christkatholischen Glauben übergetreten, es ist also eine Judenfamilie auf Hochdero Gütern erledigt, welche Hochdieselben zu verleihen haben — freiherrliche Gnaden macken Sie einen tiefbekümmerten Vater und zwei edle, guie Menschen glücklich, enden Sie gnädigst durch ein Wort die verzweifelte Lage zweier Menschen, die einander lieben — und Gottes reichster Segen wird Ihnen die große Wohlthat lohnen!" Weritsch mußte innehalten, seine Bewegung hatte ihn übermannt, Thränen entstürzten seinen Augen, er wandte sich schamhaft ab, um diese zu verbergen. „Ah! Papa", mischte sich Anna in das Gespräch. „nicht wahr, Du wirst die Bitte des armen Menschen da, gewähren? es muß das gewiß ein braver Mann sein, da er so warm für seine Tochter spricht." „Du weißt es", entgegnete der Baron streng, „ich kann es nicht leiden, ' wenn Du Dich in Angelegenheiten mischest, die Dich nichts angehen,.... also ist auf meiner Herrschaft wieder eine Judenfamilie frei geworden", wandte er sich wieder an den Juden; „wahrhaftig, da hat Er mir etwas recht Angenehmes mitgetheilt .... Nun sag' Er mir einmal, sein zukünftiger Schwiegersohn ist doch gewiß ein wohlhabender Mann, der wird doch gerne die gute Gelegenheit beim Schopf packen und sich's ein schönes Stück Geld kosten lassen — was? Nun ich kann Ihm darüber keine bestimmte Zusage geben. Er weiß es ja, das ist immerhin schwer; auf einer Judenfamilie liegen hundert Hände, um die reißt man sich — also besprech' Er das genau mit seinem Schwiegersöhne, der soll sich nur tüchtig anstrengen und baar zahlen, dann kann aus der Sach' schon etwas werden; denn das wird Er wohl wissen, billig ist ein solcher Spaß nicht zu haben. Mein Gutsnachbar, Graf Hodez, hatte vor einigen Jahren das große Glück, daß in einem Jahre — stellt Euch einmal vor", er wandte sich an seine Frau und Bollwitz, „in einem Jahre zwei Judenfamilianten auf seiner Herrschaft starben; eine davon hat er um tausend Kremnitzer Dukaten verkauft; da hat der reichste Jude in Mähren für seinen zweitgeborenen Sohn eine Familiennummer gebraucht, und im ganzen Lande keine gefunden. Es war noch dumm von dem Hoditz, wenn ich der Glückliche gewesen wäre, mir hätte der reiche Nickolsburger Jud wenigstens zehntausend Gulden schwitzen müssen!" Weritsch war bleich wie ein Linnen geworden, ein konvulsivisches Zittern durchflog seinen hager» Körper, seine Lippen schlugen mehrmals lautlos zusammen, es währte einige Sekunden, bevor er wieder sprechen konnte. „Freiherrliche Gnaden!" sagte er endlich tiefbekümmert, „Hochdero Worte schlagen alle meine Hoffnungen zu Boden; mein Schwiegersohn ist ein mittelloser Mensch, der nicht nur sich selbst, sondern auch seine Schwägerin, die Wittwe seines Bruders, und deren kleinen Knaben zu ernähren hat." Der Baron schien etwas Theilnahme für den guten Vater zu empfinden, und wenn es sich um eine Kleinigkeit, etwa nm ein, zwei Gulden gehandelt hätte, wäre er ohne Zweifel großmüthig gewesen und hätte sie dem armen Juden, dem tiefbekümmerten Vater geschenkt; aber es handelte sich um eine große Summe, der Baron scheute sich — vielleicht vor dem Pfarrer, vielleicht vor seinem Vetter und seiner Tochter — sich so habsüchtig zu zeigen, und er that, was wohl auch jeder Andere an seiner Stelle gethan hätte, er schwieg. (Fortsetzung folgt.) .