Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-09-13 · Heft 40-41 (13.9.1879) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 40-41 (13.9.1879)
Date
1879-09-13
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447837--16733-2472729
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1090 Horb, in Württemberg liegt; in diesem Dorfe befindet sich heute noch eine fromme, israelitische Gemeinde, die sich namentlich durch große Wohlthätigkeit auszeichnet. Das Dorf liegt im Württembergifchen Syrrarzwald, mit dessen Bewohnern Berthold Auerbach die gebildete Welt näher bekannt gemacht hat. Auch dieser Boden ist, wie fast jedes Fleckchen Erde Deutschlands, getränkt mit dem Blute jüdischer Märtyrer. Eine Bauersfrau hatte im Schlafe ihr Kind erdrückt. Aus Furcht vor ihrem Manne, der in jener Nacht abwesend war, hatte sie das todte Kind, nachdem sie ihm einige Schnitte beigebracht, in den Hof eines Judenhauses geworfen und war dann schreiend und weinend durch das Dorf gezogen, behauptend, das Kind sei ihr gestohlen worden. Das ganze Dorf gerieth in Aufruhr; die Häuser der Juden wurden durchsucht, die Kindesleiche wurde gefunden, und nun stand es den Leuten fest, daß die Juden das Kind geraubt, um ihm das Blut abzuzapfen. Die Häuser der Juden wurden demolirt und sämmtlrche Juden des Dorfes, 36 Personen, Männer, Frauen, Greise und Kinder ins Gefängniß geworfen. Schrecken und Angst ergriffen die Bewohner der ganzen Gegend, und sie wußten nichts Besseres zu thun, als einen Eilboten an Rabbi Joselmann zu senden, damit er das Unglück von den Eingekerkerten abwende. Radbi Joselmann machte sich auch sofort auf den Weg. ritt Tag und Nacht, und als er in Baisingen ankam, da waren die Holzstöße schon aufgerichtet, auf welchen die dem Tode geweiheten 36 unschuldigen Menschen verbrannt werden sollten. Sie waren auf die Folter gespannt worden und batten ausgesagt, was man von ihnen verlangt hatte. Vergebens bat und flehte Rabbi Joselmann, daß man die Procedur aufschieben möge, bis er vor den Erzherzog Ferdinand oder vor den Kaiser selbst die Angelegenheit gebracht hätte; vergebens drohte er mit dem Zorne und der Strafe' des Kaisers, vergebens zeigte er die kaiserliche Ordonnanz vor. die' ihn zum Befehlshaber und Regierer fämmtlicher Juden des deutschen Reiches ernannte, vergebens reclamirte er seine Unterthanen — man hörte nicht auf ihn; die 36 unschuldigen Männer, Frauen, Kinder, Greise wurden aus dem Gefängnisse herausgeführt und an die Holzblöcke gebunden. Es war ein herzzerreißender Anblick! Rabbi Joselmann wollte schier verzweifeln; da ermannte er sich; konnte er die Unglücklichen nicht retten, so wollte er doch wenigstens ihre Todesqual lindern. „Meine lieben Freunde", redete er die Beklagenswerthen an, „Ihr Alle, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, und Ihr, liebe Kinder. Ihr Nachkommen unsres Vaters Abraham; der Augenblick ist gekommen, da Ihr Euer Leben hingeben sollt zur Heiligung des göttlichen Namens! Ich weiß, daß Ihr unschuldig seid, daß Ihr jenes abscheuliche Verbrechen nicht begangen — Gott hat es Euch zugeschickt, daß Ihr sterben sollt für Ihn. Denn, nur weil Ihr Juden seid, Bekenner des einzigen Gottes, verfolgt man Euch, tödtet man Euch. So heiliget denn hier öffentlich den Namen des Allheiligen. Sagt mir nach, Wort für Wort!" Eine tiefe Stille lagerte rings umher. Tausende von Menschen waren anwesend. Keiner wagte zu athmen. Rabbi Joselmann sprach die Widdui, das Sündenbekenntniß. in deutscher Sprache, damit alle Welt ihn verstehe. Er Hub an zu reden und die an die Holzstöße Gefesselten, sprachen jedes einzelne Wort nach:") ,/Herr, mein Gott und Gott meiner Väter, die Seele, die Du mir gegeben hast, war rein und lauter und ohne Fehl; ich aber habe sie durch meine Sünden befleckt und verunreinigt. Choioßi, vwißi, poschati." Die letzten drei Worte — ich habe gesündigt, ich habe gefehlt, ich habe verbrochen — die dem jüdischen Munde so geläufig sind, sprach Rabbi Joselmann hebräisch, und die von den Flammen schon Umzüngelten wiederholten sie unter herzzerreißenden Weherufen. „Ich habe Deine heiligen Gebote", sprach Rabbi Joselmann weiter vor, „übertreten, bin abgewichen von Deinen erhabenen Lehren, und es hat mir kein Heil gebracht. Siehe, jetzt ist die Stunde gekommen, da Du, o Gott, diese Seele mir wieder nimmst und daß ich sie zurückgebe iit Deine Hand zur Heiligung Deines Namens, einziger Gott! Du bist gerecht in Allem, was über uns kömmt, denn Du' thust nur Wahrhaftes; ich aber habe gefrevelt. Deine Gerichte und Urtheile sind Gerechtigkeit und Wahrheit. Du, o Gott, wirst mir die Seele einst wieder zuführen in der zukünftigen Welt. So lange aber ein Hauch in mir ist, danke ich Dir und bekenne ich Dich und. bin bereit zu thun wie es steht in Deiner Thora: Und Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott, mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele, mit Deinem ganzen Vermögen. Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, der uns geheiligt hat durch seine Gebote und uns befohlen hat, Ihn, den Allmächtigen, den Allherrlichen, der da ist und war und sein wird, zu lieben mit unsrem ganzen Herzen und mit unsrer ganzen Seele und Seinen *) Vergleiche Joseph Omez §. 483.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.