Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-09-13 · Heft 40-41 (13.9.1879) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 40-41 (13.9.1879)
Date
1879-09-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447837--16725-2472721
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1082 man hatte geborgt bekommen können, zusammengebracht hatte. Das Judenquartier von Aamboli ist vollständig zerstört; die Gemeinde war sonst eine so blühende, daß sie buchstäblich keine Armen hatte; die Wohnungen ihrer Mitglieder prangten im Wohlstände und waren fast sämmtlich von Gärten umringt, welche diesem Stadttheile einen der freundlichsten Anblicke gewährten; es war daher ein äußerst schmerzlicher Eindruck, mit welchem icb diese Ruinen durchschritt, an deren Stelle vor Kurzem Glück und Wohlstand geherrscht hatten . . . Meine Unterhaltung mit den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde drehte sich natürlich um die Repatriirung, um die von den Israeliten in Folge des Brandes ihrer Grundstücke und nach ihrer Abreise von Damboli erfahrenen Verluste und endlich um die gegenwärtige Jnstallirung der Zurückgekehrteu, welche in den türkischen Häusern untergebracht ftnb, aber sie den Eigenthümern bald werden räumen müssen. Wir verschoben die Prüfung dieser Frage bis zur Rückkehr von einem Ausfluge, den ich nach Slimnia, einem 3 Stunden entfernten, am Fuße des Gebirges Hamam Bahir gelegenen Dorfe vorhatte, wo 35 israelitische Familien wohnen. Wir reisten, unter Begleitung eines von der Behörde uns zur Verfügung gestellten Gendarmen zu Pferde, am frühen Morgen ab. Kaum in Slimnia angekommen, sahen wir eine Menge Israeliten, unter ihnen den Gemeinde-Vorsteher, H. Michael b. Menahem, mit welchem ich mich unterhielt und der auf meinen Antrag ein Localcomittz der Alliance constituirte, zu dessen Präsidenten er ernannt wurde, mit H. Moses b. Jomtov als Secretär. Die in Gemeinschaft mit diesen beiden Delegirten aufgestellte Unterstützungslifte erhob sich auf 35 Pfd. trk. (805 Fr.) Um 3 Uhr waren wir in Iamboli zurück, nachdem wir unterwegs überall der Gegenstand von Achtungsbeweisen seitens der Bulgaren gewesen waren. Diese Thatsache, sowie das Verhalten der Bulgaren Angesichts der geräuschvollen Kundgebungen in Sliminia und Aamboli zeigt, wie wenig der bulgarische Landmann gegen unsere Glaubensgenossen feindlich gesinnt ist, und beweist zum Ueberflusse, wie die Intoleranz, welche sich an gewissen Punkten zeigen konnte, nur das Werk einiger interessirter Anführer war. Ich fand in Iamboli die Gemeinde vor dem Hause des H. Abram de Fano, bei welchem ich abgestiegen war, aufgestellt; meine erste Sorge war, auch hier wie in Slimnia, die Gründung eines Comittzs der Alliance, in das die HH. Semah, Fano und Andjel gewählt wurden. Auf meine Einladung trat das neugewählte Comit6 sofort in Funktion, indem es für die Bedürftigen unter den 150 zurückgekehrten Familien, die stch noch ohne Unterkunft befanden, eine Unterstützungsliste entwarf; außerdem bat ich dasselbe, mir diejenigen anzugeben, welche ein Handwerk betreiben und zu diesem Betriebe eines Zuschusses bedürfen. Die Liste summirte sich auf 115 Pfd. St. (2645 Fr.), die ich in der Sitzung überreichte. — Der Kutscher, der uns nach Slimnia und von da zurück nach Hamboli gefahren hatte, war ein Jude; rch wußte, daß er in den letzten Kriegsereignissen Alles verloren hatte, Pferd und Wagen, daß er Vater von 6 Kindern ist und 2 Kinder von seinem Bruder, der umgekommen war, adoptirt hatte; nachdem ich mich erkundigt und erfahren hatte, daß dieser brave Mann ehrlich und fleißig ist, kaufte ich ihm Pferd und Wagen und stellte so seine bescheidene Position von früher wieder her, die er nun mit einer unaussprechlichen Freude wiederfand. Als alle diese Operationen beendet waren, machte ich in Begleitung von 3 Gemeindevorstehern einen Besuch beim Vezirkschef; ineine Absicht war, ihn von unseren israelitischen Interessen zu unterhalten und ihm unsere israelitischen Glaubensgenossen zu empfehlen. Ich fand in diesem Würdenträger einen alten Beamten der ottomanischen Eisenbahnen wieder, welchem in der Zeit der türkischen Repressalien H. Moses de Toledo das Glück hatte, das Leben zu retten. H. Zankoff (dies ist sein Name) batte sich erkenntlich gezeigt und, soviel in seinen Kräften stand, die Juden stets beschützt; er nahm uns natürlich sehr gut auf, und als ich ihn bat, einen Israeliten zu bezeichnen, der sich zu ihm in Beziehung setzen und in dringenden Fällen jüdische Angelegenheiten bei ihm vertreten könne, sagte er mir, daß ich selbst ihm einen solchen bezeichnen möge; ich repräsentirte ihm den neugewählten Präsidenten, den er mit großer Herzlichkeit aeeeptirte, indem er mir versprach, ihn zum Mitgliede des Magistrats ernennen und einen anderen Israeliten in's Richtercollegium aufnehmen zu lassen. — Auf unserer Reise nach Aeni-Zagra kamen alle Juden zu uns, sich erkundigen über die Schritte, die ich zur Sicherung ihrer Ruhe habe thun können, und viele fragten mich insbesondere, ob sie wieder ihr Hausirgeschäft mit Sicherheit aufnehmen könnten, was ich bejahte. Man brachte mir in Ueni-Zagra einen Brief von Joseph Aomtob Semah, der mir anzeigte, daß er für die obdachlosen 7 israelitischen Familien ein Hans ge-! miethet habe und daß nunmehr alle unsere Glaubensgenossen in Aamboli befriedigt seien. Ebenso habe ich noch in einer Heiraths-Angelegenheit von Aamboli aus mit mir den Verlobten, einer dortigen Waise, Namens Palomba Eskenazhl welche in Folge der Leiden, die ihre Familie betroffen hatten, ernstlich krank geworden, jetzt jedoch genesen ist; der Verlobte ist ein braver Junge, Gärtner von Beruf, Verwandter des jungen Mädchens, das mit ihm denselben Namen trägt; wir werden sie morgen vereinigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.