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Der Israelit · 1879-09-17 · Heft 39 (17.9.1879) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 39 (17.9.1879)
Date
1879-09-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1056 Reformthätigkeit durch die Wissenschaft stützen will, da baut er Conjecturen auf sophistischer Grundlage und Schlußfolgerungen auf sophistischen Conjecturen auf. Diese Art und Weise „wissenschaflicher Forschung" und „historischer Entwickelung" hat ihre treffliche und überzeugende Abfertigung in Rappoports posthumen kritischen Werken über die „Urschrift" gefunden. Wir hatten einmal Gelegenheit mit Dr. Sachs y'?, über dessen Capacität im Talmud und klassischer Bildung wohl Niemandim Zweifel ist, über die Geiger'sche Sadducäertheorie zu sprechen. „Wie wäre dieser Mann", war Sachs' Urtheil, „über Die Spitzfindigkeit hergefallen, wenn ein alter frommer Raw so ähnliche Schlußfolgerungen sich erlaubt hätte." — Man zeihe uns keiner Jndiscretion, wenn wir bei dieser Gelegenheit den Mann nennen, der sich uns gegenüber so geäußert hat, nachdem der Herausgeber der Briefe es nicht beanstandet, ein abfälliges Urtheil seines Vaters eben über diesen Mann, dessen Namen einen Weltruf erlangt hat, mit voller Namensnennung wiederzugeben. Die betr. Stelle findet sich in einem Briefe an Honigmann vom 23. 10. 44 und lautet: „Ihnen (Frankel) gegenüber ist Sachs offenbar blos ein Schwätzer, der seine Befähigung, seine theologische Einsicht bis jetzt auch noch nicht im Geringsten kundgegeben.." — War sich aber G. wohl dessen bewußt, daß viele seiner Combinationen auf Trugschlüssen beruhten? Mächte sich auch hier die Doppelnatur, wie sie sich uns in seinem Umgänge mit seinen Studiengenossen wie auch in seiner Reformthätigkeit selbst gezeigt hat, geltend? Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn mir annehmen, daß er im Anfänge manche Beweise für seine Theorien zu Papier gebracht, an deren Richtigkeit er selbst nicht geglaubt hat, und zwar um einem Drange, Neues sagen und Neues schaffen zu wollen, zu genügen. Ein starkes Selbstbewußtsein spricht sich schon in dem Tagebuch des 14jährigen Knaben aus, wie auch die Sucht, die Augen der Welt auf die eigene Person zu lenken, diese Eitelkeit hat sich mit den Jahren nicht gemindert, sie ist gewachsen und ist so ein starker Hebel für die Reformbewegung geworden. Darum ist es aber gerade nothwendig, daß wir diese anscheinend rein persönliche Seite mit in unsere Betrachtung ziehen, sie wird uns zum Werthmesser für die bewegenden Kräfte der Reform und für die wissenschaftliche Begründung, mit welcher man ihre Berechtigung Nachweisen wollte. Wir wissen wohl, daß große Männer Schwächen haben dürfen, die aber deßhalb noch nicht ihre Inhaber mit der Wahrheit müssen in Conflict kommen lassen; ist aber eine Schwäche so sehr zur Herrschaft gelangt, daß sie rücksichtslos die Nächststehenden verletzt, um nur dem eigenen Ich zur Geltung zu verhelfen, so wird das Urtheil über Wahr und Unwahr so getrübt, daß es einem garnicht mehr zum Vorwurf gemacht werden kann, wenn man in seinem Gedankenkreise rechts und links vertauscht. Daß aber gerade bei G. das Bewußtsein seiner eigenen Größe eine unbändige Sucht in ihm erzeugt hat, diese Größe anerkannt zu sehen, eine Sucht, die auch den Nächsten verletzte, beweisen uns einige Stellen aus den vorliegenden Briefen. In einem Briefe an Wechsler vom 29. 8. 49 berichtet er diesem über eine Reise nach Süddeutschland und kommt auf seinen Aufenthalt in München zu sprechen: „Aub (der damalige Rabbiner in München) kam ut einem Gespräche auf die Bemerkung, ich möchte, falls ich zu einer Predigt aufgefordert würde, es ablehnen, weil dies seinem „„moralischen Ansehen"" schaden würde; ich mochte nun in diese Unannehmlichkeit nicht hineinkommen, längere Zeit mich an einem Orte aufzuhalten, mit den Gemeindegliedern bekannt zu sein und gerade der Ehrenbezeugung entsagen zu müssen, die mir gebührte, oder ein Gegenstand der Jntriguen zu sein, oder dem wohlwollenden Aub Unfreundliches zu bereiten, das war mir zuwider." Es ist das durchaus keine lächerliche Kleinlichkeit seitens Aub, wenn er den Wunsch ausspricht, G. möge nicht in München predigen. Aub war kein bedeutender Kanzelredner, und die Predigt ist es gerade, wonach das Volk oft die Tüchtigkeit eines Rabbiners beurtheilt; gewiß ist dieses Urtheil nicht maßgebend, aber in Wirklichkeit wird ja zumeist die Predigt als Maßstab für das Wirken des Rabbiners genommen, wenn Aub also für sein „moralisches Ansehen" fürchtet, wenn auf seiner Kanzel der des Wortes mächtige Geiger spricht, so ist diese Befürchtung gerechtfertigt, und Aub konnte G. keine größere Anerkennung aussprechen, als durch die freimüthige Bitte, das etwaige Anerbieten eine Predigt zu halten, abzulehnen. Ist es nun schon eine Forderung der Convenienz und collegialischer Freundschaft, überhaupt in einer Synagoge nicht zu predigen ohne besondere Einwilligung des betr. Rabbiners, so kann doch gar nicht daran zu denken sein, sich gegen den ausgesprochenen Wunsch und Willen des College» von dessen Kanzel herab zu dessen Gemeinde zu sprechen. Es fällt G. zwar schwer „der Ehrenbezeugung entsagen zu müssen, die ihm gebührte." Er mußte sich wohl als eine Art kirchlichen Oberhauptes über Deutschland angesehen haben, wahrlich eine gute Probe eines stark ausgeprägten Selbstbewußtseins, denn sonst begreift man doch nicht, wie dem Rabbiner von

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