Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-09-17 · Heft 39 (17.9.1879) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 39 (17.9.1879)
Date
1879-09-17
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447836--16715-2472710
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1055 Wie viele, wie wenige Eltern erblicken in dieser unbeugsamen Geradheit überhaupt nsch einen Segen für ihr Kind, wie viele möchten ihr Kind nicht auch unter dem großen Troß der Klugen wissen, die ihre Klugheit auf den Lippen und in ihrem Herzen den Leichtsinn tragen? Wahrlich, es gehört Muth, es gehört inniges Gottvertrauen und Vertrauen in die Wahrhaftigkeit unserer jüdischen Sache dazu, wenn heute ein Vater für sein Kind Verzicht leistet auf all die Vortheile, die dieser mit kurzem Lippenspiel verbrämte Leichtsinn verheißt, und seines Kindes Mund nur von solcher Weisheit erfüllt wissen will, die aus dem Ernste des Herzens fließt; nur ein von seinem Vaterberufe voll und ganz durchdrungener Vater kann heute sein Kind mit den Worten segnen: nc« rurv niesn nai» ->'v D'2' pdj1? Wie wenige Eltern aber, die auch Mund und Herz, Wort und Gedanke ihres Kindes von der alten jüdischen Wahrheit durchdrungen wissen möchten, glauben ihr Kind zu segnen, wenn sie ihm noch ferner wünschen, daß diese Gedanken und Worte, eben nicht Gedanken und Worte bleiben, sondern im practischen, frisch pulsirendenLeben sich bewähren und „Hand und Fuß" gewinnen sollen! Der Vater muß selbst Herz und Mund, Hand und Fuß dem Willen seines himmlischen Vaters voll und ganz unterstellt haben, der von Gott für sein Kind in dieser Stunde zu bitten segnend for fährt: 70222 mpo’y iw “i'T troBQff "px psn nnrp isrr (Schluß folgt.) Jur Keschichle der Aeformbewegung im Zudenlhum. (Fortsetzung.) 8. Was wir bisher aus den Briefen erfahren haben, hat uns darüber belehrt, daß, wenn G als der Mann der „praktischen Richtung", wie er sich selbst bezeichnet, nicht sich selbst Beschränkung mit Rücksicht auf sein Amt und seine Stellung auferlegt hätte, seine Reform weiter gegangen wäre, als sie in Wirklichkeit gegangen ist.' Was er im vertrauten Ideenaustausch ausgesprochen, hat er sich offen zu proclamiren gehütet, was er als abgestorben und geistlos erkannt zu haben glaubte, hat er in der That nicht gewagt zu verletzen; er war aber — praktisch. Die Speisegesetze sind ihm etwas Geistloses, die religiösen Uebungen, wie das Tefillinlegen, gehören seiner Ansicht nach mehr in ein archäologisches Museum, als in die Baumschule des Lebens, die Beschneidung wird durch eine andere Ceremonie zu ersetzen fein, er selbst aber „hielt sich nicht für berechtigt, sich über diese Vorschriften hinwegzusetzen, übte sie vielmehr sein ganzes Leben hindurch," wie der Herausgeber bemerkt; es ist das wohl eine Halbheit, es ist das ein Widerspruch zwischen Leben und Gesinnung, aber es ist — praktisch. Die Köpfe waren eben noch nicht verwirrt genug, die Gemeinden waren noch nicht auf den gewünschen „Schwankzustand" gebracht, daß der Reformator schon „bestätigend" hätte auftreten können. Daß die nächsten Freunde G's., die bereits seine Gesinnung erkannt hatten, ihm nicht einmal den Glauben an Gott zutrauten, ist nicht zu verwundern, und es ist allerdings weit gekommen, wenn ein Rabbiner dcm Jugendfreunde gegenüber die feierliche Versicherung geben muß, daß er kein Pantheist sei. (Bricf an Stern vom 25. 8. 43.) Was wäre aber vom Judenthum noch übrig geblieben, wenn die Gunst der Verhältnisse es G. gestattet hätte, mit seinen Ansichten offen aufzutreten und in dem Sinne derselben zu wirken? wenn nicht eine kräftine Gegenströmung erweckt worden wäre, welche die Gemeinden aus ihrer Vertrauenseligkeit gerissen und denen, die sehen wollten, ihre Kraft der Sinne gewahrt hätte. Der Mann, welcher dem alten Judenthume den Fehdehandschuh hingeworfen hatte, der, wenn überhaupt ein Mensch das alte Judenthum aus der Welt schaffen könnte, mit der Zeit mit allem, was noch an dasselbe erinnerte, aufgeräumt hätte (die Briefe sind dessen ein unwiderlegbares Zeugniß), war keine zu unterschätzende Kraft. G. gehörte nicht zu den Dutzendmenschen, er war ein Mann von Hellem Geiste, besaß ein umfassendes Wissen und war von unermüdlicher Thätigkeit. Er war die Seele der Reformbewegung und er verstand es, durch sein reiches Wissen zu imponiren und seinen Sätzen, die er aufstellte, den Schein geschichtlicher Wahrheit und wissenschaftlicher Begründung zu geben. Aber freilich nur den Schein, wer mit ruhigem Forschen den Spuren seiner Schlußfolgernngen nachging, wer sich nicht von dem Sprühfeuer des bunten Gedankenfeuerwerks blenden ließ, der kam dann darauf, wie oft ganze Gebäude, die er aufführte, auf einer Basis ruhten, die nichts weniger, als eine feste Grundlage war. Sein Geschick bestand darin, den Gedankensprung fein zu verbergen, eine sophistische Unterlage als vollgültige Wahrheit erscheinen zu lassen. Wir wollen nicht sagen, daß alle seine Werke von diesem Mangel behaftet sind, er hat schätzbare Beiträge zur Kenntniß der semitischen Sprachen und der biographischen Literatur geliefert, aber wo er seine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.