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Der Israelit · 1879-09-17 · Heft 39 (17.9.1879) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 39 (17.9.1879)
Date
1879-09-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1065 Da es mit zu den Familientraditionen gehörte, arme Verwandte zu unterstützen, so hatte Baron Pellwald gar keinen Anstand genommen, den blutjungen , invaliden Offizier in sein Schloß aufzunehmen; aber Bollwitz führte keine angenehme Existenz. Es schmerzte den jungen Mann tief, das Gnadenbrod zu essen, aber seine aufrichtig gemeinten Anerbietungen sich nützlich zu machen, waren von dem Schloßherrn zurückgewiesen worden. Zuerst wollte er sich mit der Oeconomie befassen, und hoffte hierdurch seinem Wohlthäter einen Beamten zu ersparen; aber der Baron fand es in hohem Grade unpassend, daß ein Verwandter von ihm seinem Beamtenkreise, der sich doch nur aus dem Bürger- und Bauernstände rekrutirte, angehören solle. Später wollte Bollwitz, obwohl er hierzu weder Talent noch Lust verspürte, den Erben des Hauses unterrichten; aber auch das schien eben so wenig mit den Standesrücksichten vereinbar, so daß Bollwitz in der That zu einem bedrückenden Müssiggang, zu einer höchst unangenehmen Stellung verurtheilt wurde. Seine Beschäftigung bestand nur darin, den Baron auf der Jagd und bei seinen Ausflügen zu begleiten, ihm Gesellschaft zu leisten, Abends vorzulesen, und Briefe, die sich nur auf Familien-, nicht auf Berwaltungs- oder Geschäftsangelegenheiten bezogen, zu schreiben, für die „gnädige Frau Cousine" in das nächste Städtchen zu fahren und Einkäufe zu besorgen, — mit einem Worte eine werthlose, dem vollen Müssiggange ähnelnde Thätigkeit, die nur geeignet war, das d-müthigende Gefühl hervorzurufen: unvergoltene Wohltyaten empfangen zu müssen. Ueberdies war die Stellung des jungen Offiziers auch noch in doppelter Weise erschwert worden; einmal dadurch, daß er sich in einer nicht näher zu bezeichnenden, ihn ehrenden Weise die unversöhnliche Feindschaft der Baronin zugezogen hatte, und diese sich insgeheim in boshaftester und verletzendester Weise, durch tausend schmerzliche Nadelstiche zu rächen versuchte; — andernfalls aber, weil er eine innige Neigung für Anna Pellwald gefaßt, diese in einem unbewachten Augenblicke dem Gegenstände seiner Neigung verrathen, und hierdurch erfahren, daß Anna seine Gefühle theile. Beide erkannten, daß ihre Liebe eine hoffnungslose war, daß der reiche Baron seine Tochter nicht einem mittellosen, das Gnadenbrod essenden Krüppel zur Gattin geben würde. Da heute der Namenstag der Schloßfrau gefeiert wurde, war auch der Pfarrer zur Tafel geladen, und neben das Schloßfräulein placirt worden; es war dies ein großer schöner Mann von etwa siebzig Jahren, mit einem milden freundlichen Gesichte, dem die lang herabwalleuden Silberlocken gut standen. „Ich bin schon neugierig, wie die beiden Men-; scheu ausfehen, mein neuer Oberamtmann und der! neue Hofmeister für den Berthold," sprach der! Baron. „Mit den Oberamtleuten habe ich bisher! immer Glück gehabt, das ist wahr — und auch der letzte, der verstorbene Titus Engelhart, war ein mir treuergebener Mann, der gar nichts anders als das Interesse seiner Herrschaft vor Augen hatte — und ich wäre herzlich froh, wenn der neue, den mir unser lieber Vetter, der Baron Baldamus, empfohlen, und dem ich, nachdem seine vortrefflichen Zeugnisse und Empfehlungen gelesen, auch das Anstellungsdekret zugesandt habe, eben so brav, ergeben und diensteifrig wäre, wie mein verstorbener alter; — nur zwei Dinge verdrießen mich bei dem Menschen, und ich will's nur offen sagen, hätte ich's früher reiflich bedacht, ich hätte ihn bloS derowegen nicht ausgenommen!" „Was mißfällt Dir an ihm, Papa?" frug die junge Baronesse. „Erstens sein Alter, das heißt, seine Jugend! Der ganze Mensch ist erst siebenundzwanzig Jahre alt, ich hatte das im ersten Augenblicke übersehen, das ist ja gegen alles Schick und Herkommen; wo sollen dann die Bauern Respekt vor ihm kriegen?" „Ah! Papa wegen dem!" unterbrach ihn der vorlaute Berthold, „die dummen Kerle fürchten nicht das Alter des Oberamtmanns, sie fürchten nur den Stock und den Block, ich bin gewiß jünger als der neue Amtmann, Papa, aber ich müßt' mich schon bei den Cujons in verfluchten Respekt zu setzen, daß sie nur so vor mir zittern sollten!" Ein leichtes Lächeln der Baronin bewies, wie hoch sie die allerdings bewundernswerthe Frühreife ihres verhätschelten Lieblings taxirte; der Baron schien die Unterbrechung nicht zu bemerken, bei den andern Mitgliedern der Gesellschaft schien sie sich keines Beifalls zu erfreuen, obwohl sie dieses nur durch ihre Mienen äußerten, und Pellwald fuhr fort: „Dann gefällt mir auch fein Name nicht, er heißt Franz Graf — wie kommt ein bürgerlicher Patron dazu, Graf zu heißen? Wenn es Jemanden einfiele, ihn in meiner Gegenwart „Herr Graf" anzusprechen, so . . . so . . der Baron erröthete bei dem bloßen Gedanken, „da könnte ja ein oder der Andere, besonders wenn er ein Fremder ist, glauben — der Kerl stehe höher als ich!" Daß der neuacquirirte Amtmann jung sei, schien auf die Baronin gerade keinen ungünstigen Eindruck zu machen, sie legte ihre Hand wie beruhigend auf den Arm ihres Gatten und sagte:

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