Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 39 (17.9.1879)
- Date
- 1879-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1064 geborenen, eine Mittelsorte zwischen gewöhnlichen Menschen und Engeln; — aber diesen bei weitem näher stehend als jenen. Da die Leibeigenschaft damals in Oesterreich noch in schönster Blüthe stand, jo erschienen ihm seine Bauern als eine Art von Nutzvieh, die nach der von ihm geträumten Weltordnung vom gütigen Schöpfer dazu bestimmt waren, ihm und seiner Familie mit allen Kräften zu dienen. Philipp Pellwald war dabei nicht einmal ein ungewöhnlich strenger Grundherr, er war von Natur aus ein guter Mensch, und wenn er einen braven menschlich fühlenden Oberamtmann gehabt hätte, so wäre er vielleicht sogar ein milder Gebieter — das war er auf seinen Besitzungen — gewesen, ja es könnte vielleicht behauptet werden, daß, wenn Philipp Pellwald ein Jahrhundert später gelebt hätte, er sich gewiß jenen hohen Bildungsgrad und" jene Anschauungen angeeignet hätte, die jetzt den bei weitem größern Theil des Adels in Oesterreich und Deutschland auszeichnen; allein Philipp Pellwald war ein Kind jener unglückseligen Zeit, welche an der Menschheit so viel' verbrochen, und welche in Frankreich jene furchtbare bluttriefende Revolution vorbereitete, welche doch in ihrer Wirkung und in ihren letzten Ausläufen als eine, die Welt aus den Banden der Versinsterung erlösende bezeichnet werden muß. Der adelige Grundherr — einen anderen als einen adeligen konnte es ja nicht geben — wollte Niemanden über sich erkennen, nicht einmal die kaiserlichen Behörden, blos den Kaiser, und diesen am liebsten nur als primum inter pares — aber er beugte sich vor diesem, vielleicht nur deßhalb in fast sklavischer Demuth, weil er dadurch zeigen wollte, wie sich die Unterthanen vor ihm beugen müssen, und jeder Grundherr hätte, wenn möglich, die spanische Etiquette, die am Wiener Hofe unter Karl dem Sechsten bestanden, auf seinem Schlosse eingeführt, und von seinen Unterthanen jene abgöttische Verehrung gefordert, welche Kaiser Karl gezollt werden mußte. Pellwald war ein langgewachsener Mann, der sich schon den sechzigen näherte und noch älter aussah. Sein gelbliches, gerunzeltes Gesicht war von einem kleinen Backenbarte eingerahmt. und wenn er, wie jetzt in diesem Augenblicke lebhaft sprach, konnte ein geübtes Auge erkennen, daß der Baron zu einer Zeit. wo seine Wangen noch glatt und runzellos, seine jetzt nur theilweise gut erhaltenen Zähne vollständig und lückenlos, sogar ein recht hübscher Mann gewesen sein mochte. Rechts neben ihm saß seine Gemahlin in zweiter Ehe, Eugenia, aus einem alten, aber jetzt verarmten gräflichen Hause, die als etwas überreifes Mädchen, aber noch immer eine stattliche Erscheinung, sich vor zehn Jahren entschlossen hatte, den nahezu fünfzigjährigen, reichen Pellwald zum Gatten zu wählen. Neben dem Baron saß dessen Tochter erster Ehe, ein zwanzigjähriges schönes Mädchen, das mehr Aehnlichkeit mit ihrer verstorbenen Mutter als mit ihrem Vater besaß. Neben der Baronin saß der neunjährige Berthold, der einzige Sprosse aus der zweiten Ehe des Barons. Er war der Abgott seiner Mutter, die, da sie ihrem Gatten nicht ihre Liebe zuwenden konnte, ihre volle Zärtlichkeit auf das Haupt ihres Kindes concentrirte, und da der kleine Junge, im Gegensätze zu seiner Stiefschwester, die ein gutgeartetes, liebenswürdiges Mädchen war, von Natur aus ein boshaftes Gemüth besaß, war ihr das Kunststück gelungen, aus dem Burschen einen hochfahrenden, nichtsnutzigen Kobold zu machen, der der Quälgeist seiner Hofmeister und das Entsetzen der Dienerschaft war, und wo er passende oder unpassende Gelegenheit fand, Menschen und Thiere — es muß dies gewissermaßen zum Lobe seiner frühzeitigen Geistesentfaltung zugestanden werden — in wahrhaft erfinderischer, grausamer Weise zu quälen wußte. Der knechtische Sinn der Dienerschaft beugte sich in sklavischer Demuth vor dem Ausbund, der einst hier „zu regieren" bestimmt war; und da es eine halbhundertjährige Familientradition war, den Erben mehr zu lieben als die andern Kinder, hielt es auch der Baron für seine Pflicht, eS rbenso zu halten, trotzdem er in seinem Herzen stets eine starke Neigung für seine ältere, liebenswürdige, mutterlose Tochter empfand; allein diese latente Liebe verhinderte es doch nicht, daß er Anna — zum Theil um fortwährende Familienstreitigkeiten zu vermeiden — nicht vor den Uebergriffen und Gehässigkeiten, die sie von der Stiefmutter und ihrem Stiefbruder zu erdulden hatte, zu schützen vermochte, und die Diener und Beamten, welche für alle Vorgänge im Schooße der Familie einen scharfen Blick hatten, ließen es daher auch nicht selten dem Fräulein gegenüber an jener Ehrerbietung fehlen, welche sie in ausgiebigster Weise dem Schloßherrn, der Baronin, ja selbst dem neunjährigen Erben zu Theil werden ließen. Neben Berthold saß Theodor von Bollwitz, ein entfernter Verwandter des Barons. Gänzlich verwaist war er frühzeitig, als halber Knabe, in die Armee eingetreten und hatte am 18. Juni 1757 die berühmte Schlacht bei Kollin mitgemacht, in welcher Friedrich der Große von dem österreichischen Feldmarschall Daun geschlagen wurde, hatte an diesem Tage als Fähnrich seinen linken Arm und mit diesem jede Aussicht weiter dienen zu können, verloren und mußte die Armee verlassen.