Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1879)
- Date
- 1879-09-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XX. Jahrgang. Erste Beilage )>l Nr. 38 des Israelit. Feuilleton. Jakobine. Ein L e b e n s b i l d. Von Kriedrich Wott- XLYII. (Fortsetzung und Schluß.) Iakobine stieß einen Schrei aus und barg das schmerzzuckende Angesicht in den Händen. „Sei unbesorgt, Geliebte, nichts in der Welt wird uns trennen. Was kümmern uns, m der zweiten Hälfte unseres aufgeklärten Jahrhunderts die verrotteten Anschauungen eines finstern Köhlerglaube, s? Wir sind in Amerika, im Lande der Freiheit. da kümmern uns confessionelle Scrupel oder Observanzen nicht. Mögen die Mucker der Trauungssormel jenes Elenden Giltigkeit zuschreiben oder nicht, uns gilt das gleich. Nur aus Rücksicht für Dein überzartes Gewissen habe ich mich bemüht, seine Einwilligung zur Scheidung zu erkaufen; doch Du hast es jetzt gehört nach dem Muckerglauben würde jene Scheidung auch uns scheiden. Darum trolle Dich Scburke, Dein Bubenstück ist Dir nicht gelungen. Gespenster schrecken nur Diejenigen, die an sie glauben; hirnverbrannte Satzungen eines abergläubischen Ritus hindern nur Diejenigen, die Werth auf sie legen. Mögen die Rabbinen meinethalb n den kirchlichen Segen uns versagen — wir können ihn entbehren. Der Staat legt unserer Verbindung kein Hinderniß in den Weg, wir begnügen uns mit der Civiltrau ng." Iakobine ließ die Hände sinken. „Arthur!" schrie sie und der Schmerz in ihrem Angesicht wich für den Augenblick oem Entsetzen, das sich darauf malte. Kohn wandte sich zu ihr. „Du scheinst meine Ansichten über den altjüdischen Ritus nicht zu theilen. — Nun wohl, &diebte, Dein Wille geschehe, fei unbesorgt. Wenn Dir die Civiltrauung nicht genügt, so wird sich wohl auch noch ein iSraelinscher Geistlicher finden, der die kirchliche vollzieht. Diese Herren sind nicht gleichgiltig gegen irdische Güter, für Geld und gute Worte lassen sie sich zu manchem bereit finden — und ich werde nicht kargen." „Und Du glaubst, meine Scrupel würden schwinden, wenn irgend ein geistlicher Schurke seine Pflicht für Geld vergißt?" „Aber licbes Herz, was verlangst Du denn noch mehr?" „Was ich noch verlange?" ein tiefer schmerzlicher Seufzer entrang sich ihrer Brust, „ich verlange gar nichts mehr — meine Rechnung mit dem Glück ist abgeschlossen — ich habe mich getäuscht in dem Manne, dem ich meine Liebe geschenkt —" „Iakobine!" rief Kohn erbleichend und stürzte zu ihren Füßen und beschwor sie bei Allem waS heilig, ihr hartes Wort zurückzunehmen — nie und nimmer werde er sie beirren in ihrem Thun und Lassen. Doch sie schüttelte abwehrend das schöne Haupt. Kohn gerieth außer sich, er bat, er flehte, er drohte endlich, sich das Leben zu nehmen, wenn sie bei ihrem Entschluß beharre — und dennoch blieb das schwergeprüfte Mädchen fest. — Verzweiflungsvoll stürzte der junge Mann endlich fort. Iakobine sank kraftlos in dev Sessel, eine geisterhafte Blässe überzog ihr Angesicht, ihre Lippen bebten, ihre Augen schlossen sich. Betti schlang weinend ihre Arme um die Freundin, James trat zu ihr und ergriff ihre herabhängende Hand. „Miß Lenz", sprach er mit bewegter Stimme, „nehmen Sie die Versicherung meiner aufrichtigsten Hochachtung. Nach meiner innigsten Ueberzeugung haben Sie durch ihren Entschluß die Verirrungen Ihrer Kinderjahre vollständig gesühnt." Mehrere Tage waren verstrichen. Iakobine hatte keine Thräne geweint, doch an ihrem bleichen abgehärmten Antlitz, über das nur höchst selten ein mattes trübes Lächeln wie ein Schatten huschte, an ihrer ganzen müden wie zusammenbrechenden Haltung, erkannte man nur allzudeutlich, wie furchtbar sie gelitten hatte und noch litt. Es war gegen Abend. Das trauernde Mädchen befand sich im Wohnzimmer ihrer Freundin. Müssig ruhten die schmalen, durchsichtigen Hände in ihrem Schooße, während ihre schönen seelenvollen Augen, die in jüngster Zeit noch größer schienen, unheimlich funkelnd ins Leere starrten. Mr. Green befand sich an ihrer Seite, er hatte