Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1879)
- Date
- 1879-09-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1024 Am darauffolgenden Sonntage setzte Rabbi i Joselmann seine Reise fort und kam auch glücklich und wohlbehalten in der Heimath an; allgemeiner | Jubel empfing ihn, als man vernahm, daß er Or-! donnanzen vom Erzherzoge mitbringe, welche die Austreibungsbefehle widerriefen. Rabbi Joselmann begab sich nach Hagenau zum Landvogt. Herr Kaspar von Mörsperg lud ihn ein, in der Sitzung zu erscheinen, und seine Schriftücke den versammelten Mitgliedern der Regierung vorzulegen. Unterdeß hatte sich das Gerücht von Rabbi Joselmanns Erfolgen verbreitet und die Judenfeinde mit furchtbarer Wuth erfüllt. In der Sitzung gebehrdete sich Herr Friedrich Prechter von Hochfelden wie ein Wüthiger. „Sind wir Narren", schrie er, „die man am Narrenseile umherführl? Kann der Erzherzog heute geben nnd morgen nehmen? Nichts da, ich erkenne die zweite Ordonnanz nicht an! Die erste habe ich selbst erhalten; die ist echt; diezweite ist falsch, oder erschlichen, oder erkauft. Es bleibt dabei die Juden werden ausgetrieben!" „Ich stimme dem Ritter Friedrich vollkommen bei", sprach der Schultheiß von Hagenau, Herr Wolf Wilhem von Andlaw, „wir müssen der österreichischen Regierung zeigen, daß wir uns nicht zu Narren halten lassen!" „So haben fie’a mit Ober-Ehnheim gemacht", spracv Herr Philipps von Gottesheim, „so machen sie's jetzt mit uns; wir aber wollen beweisen, daß wir Herren sind im eigenen Lande." Auch Herr Hans von Plence glaubte nicht I schweigen zu dürfen. „Wenn wir jetzt die Juden nicht auStreiben", sprach er, „so werden wir sie niemals los." Die übrigen Mitglieder der Regierung schwiegen. Nur Herr Kaspar von Mörspurg sprach zu Gunsten der Juden. „Bedenkt wohl, Ihr Herren", sagte er, „waS Ihr thut! Das ist ja offene Rebellion gegen die kaiserliche und gegen die landesherrliche Gewalt! Die Urkunde, die Joselin gebracht, ist nicht falsch. Das Sigel ist echt und unversehrt. Ob rie Ordonnanz erkauft oder erschlichen ist, das kümmert uns nicht; sie ist da, und wir müssen ihr Folge leisten."! „Das müssen wir nicht!" schrie Ritter Prech-! ter, „und wir werden es nicht thun! Was kann! uns passiren? Um der Juden willen wird Kaiser > Carl keinen Krieg anfangen! Colmar und Regensburg haben ihre Juden ausgewiesen ohne die Hu-; ftimmung des Kaisers. Es hat kein Huhn und 5 kein Hahn danach gekräht. Seien wir Männer, und lassen wir uns nicht heute so und morgen so commandiren." Rabbi Joselmann hatte bis dahin geschwiegen. Jetzt sah er dem Ritter Friedrich fest ins Auge und sprach: „Herr Ritter, Ihr seid ein Feind der Juden, ich weiß es. Ihr wart es früher nicht. Ick will die Ehrfurcht, die ick den Herren von der Negierung und meinem gnädigen Herrn Landoogt schulde, nicht so verletzen, daß ich die Gründe hier erörtere, wieso Ihr plötzlich ein Judenfeind geworden. Aber das will ich Euch sagen, Herr von Hochfelden: Gott hat mir auf meiner Reise nach Bruck in Steiermark mannigfache Wunder erwiesen, und unsre Weisen sagen im Talmud, daß Gott nie ein Wunder umsonst thu'. Darum, Herr Ritter von Prechter, werdet Ihr Eure Anschläge gegen die Juden nicht ausführen!" „Und wie willst Du mich hindern, Jude?" fragte Riiter Friedrich verächtlich. „Und mich, mit welcher Macht willst Du mir entgegentreten?' fragte der Schultheiß. 8 „Wagst Du es, auch mir zu drohen?" — g fragte Herr Philipps von Gottesherm. 8 ' „Der Kaiserliche Befehlshaber der Juden wird uns am Ende in die Acht und Aberacht erklären lassen", spottete Hans von Plence. „Ich werde gar nichts thun". sagte Rabbi Joselmann ruhig. „Ich habe das Meinige gethon. Das Uebrige wird der allmächtige Gott, der Beschützer der Armen und Bedrängten, der Retter I der Unschuldigen vollbringen." I Ein rohes Gelä ter der vier Judenfeinde 8 ward ihm zur Antwort. Vergebens suchte der 8 Landvogt noch, seinen Einfluß geltend zu machen; 8 er ward überstimmt. Man beschloß, die Juden zum 8 bestimmten Termine aus dem ganzen Elsaß aus-! zutreiben.! Der Jammer und die Klagen der Juden! waren um so größer, je mehr sie sich zuvor über, die Erfolge Rabbi Joselmanns gefreut hatten. Wiederum wurde RabbiJoselmann bestürmt, Schritte jj zu Gu sten der Juden zu thun. Er aber weigerte \ sich dessen entschieden. Den ihn mit Bitten Bej stürmenden gab er stets die Antwort: „Gott wird für Euch kämpfen; Ihr aber schweiget!" (Fortsetzung folgt.) | Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: Or. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).