Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1879)
- Date
- 1879-09-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1023 Titel nur den ersten Lehrern von ganz Israel, den Vorstehern der beiden Hochschulen von Sura und Pumpeditha, zu; später, als jene Hochschulen — im elften Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung — zu existiren aufgehört hatten, ertheilte man diesen Titel den größten Talmudgelehrten aller Orten und aller Länder. Rabbi Joselmann fand die israelitische Gemeinde zu Pfersee in großer Aufregung; es war derselben nicht mit Austreibung gedroht, es waren ihr keine unerschwinglichen Steuern auferlegt, es war kein großer oder kleiner Tyrann, kein geistlicher oder weltlicher Herr, kein Bürgermerster oder Bauernführer die Ursache der Aufregung' — es war ein Ochs, dem durch irgend einen Zufall gerade an der Kniescheibe einer der Hinterfüße war abgebrochen worden. Der Rabbiner wollte den Ochsen, das Eigenthum eines Juden, für „koscher" erklären und ihn zu schlachten erlauben, während die anderen Gelehrten der Gemeinde ihn für „trepha" hielten. Der Rabbiner berief sich auf den Talmud und die hervorragendsten alten Gesetzeslehrer, die anderen beriefen sich auf das Herkommen; solche Fälle waren in alten Zeiten schon vorgekommen, und die Vorgänger Rabbi Liebermanns hatten in allen diesen Fällen das Verdict „terepha" abgegeben. .Wir müssen hier für unsere nichtsachkundigen Leser einige Worte der Aufklärung anfügen. Der Hinterfuß des Thieres besteht aus drei Knochen: der oberste, der in den eigentlichen Körper hineingeht, der mittlere, an dessen unterem Theile die Sehnen, Zumath hagiddin, sich befinden, und der unterste, der in die Klauen ausläuft. Ist der oberste Knochen durchschnitten, so ist das Stück Vieh terepha. ist der unterste Knochen durchschnitten, so ist es „koscher"; bei dem mittleren Knochen variiren die Ansichten, ob es überall, wo dieser Knochen durchschnitten ist. terepha sei oder nicht; wir, die Bewohner des Occidents, schließen uns der Ansicht Raschids an, daß er sich mit dem mittleren Knochen geradeso verhält wie mit dem oberen. Hier, bei dem in Pfersee vorgekommenen Falle, war jedoch gerade die Kniescheibe, der Bindeknochen zwischen dem unteren und mittleren durchschnitten. Nachdem der Rabbiner von Pfersee seinen Freund auf das Herzlichste begrüßt, hatte er nichts Eiligeres zu thun als ihm von der vorliegenden Streitfrage Mittheilung zu machen. Das Buch des Rabbenu Mordechai, das damals in Deutschland als die maßgebendste Autorität verehrt wurde, lag aufgeschlagen auf dem Tisch des Rabbinen. „Sieh hier, mein Freund," sagte dieser, „kann hier noch ein Zweifel obwalten? Rabbenu Mordechai sagt es ausdrücklich, daß der „Kupitz", wie er den Bindeknochen nennt, derselbe, der im Talmud „Arkum" heißt, geradeso zu beurtheilen sei, wie der unterste Knochen, daß deßhalb das Stück Vieh „koscher" ist." Ohne auch nur einen Blick auf das anfgeschlagene Buch zu werfen, entgegnete Rabbi Joselmann: „Verzeihe mir, theurer Freund — alle Welt weiß, daß Du ein großer Gelehrter bist und Du bedarfst der Lobeserhebungen eines so unbedeutenden Menschen, wie ich es bin, nicht. Aber, Heil dem Zeitalter, in welchem die Großen auf die Geringen hören! Nimm es nicht übel, wenn ich Dir sage, daß Du Dich nach meiner geringen Ansicht im Jrrthum befindest. Was Rabbenu Mordechai da schreibt, das sind die Worte des Rabbenu Eliser bar Joel Hallevi, und dieser schließt sich der Entscheidung des Rabbenu Jizchak Alphaßi und des Rambam an, daß am Mtttelknochen selbst die Stellen verschieden beurtheilt werden müssen. Wir aber entscheiden wie Raschi, daß der Durchschnitt des Mittelknochens stets und immer „trepho" mache, und daher sind die Worte des Mordechai in diesem Falle nicht maßgebend; denn wenn wir auch annehmen, daß der Bindeknochen nach oben gehöre, so wäre es nach Alphaßi und Rambam doch „koscher", weil keine Sehnen sich darin befinden; nach Raschi's Urtheil jedoch, wäre es in diesem Falle „trepha", und so entscheidet in der That Rabbenu Ascher in einer an feinen Sohn gerichteten Response." Der Rabbiner von Pfersee war ganz erstaunt Über das, was er vernahm. Er lief im Zimmer auf und ab, die Worte Rabbi Joselmanns wieder, holend, überlegend, abwägend. Dann umarmte er den Freund und rief: „Wahrlich, Du bist ein Gsttgeseaneter Mann! Während Du Deine Zeit opferst, um Dein Volk zu schützen und zu retten, erleuchtet Dich Gott mit Seinem Geiste, daß Du besser eindringst in die Tiefen Seiner Lehre, als Diejenigen, denen es vergönnt ist, unablässig darin zu forschen!" Große Freude war in Pfersee als man erfuhr, daß der allverehrte Rabbiner in der aufregenden Streitfrage nun auch wie die anderen Gelehrten der Gemeinde entscheide. Und Rabbi Joselmann sprach zu seinem Freunde: „Sind wir nicht ein heiliges Volk? All die großen Leiden und Gefahren haben uns nicht abstumpfen können, den regsten Antheil zu nehmen an Dingen, die andern Nationen ganz unbegreiflich erscheinen; aber unser veben und die Dauer unsrer Tage hängt daran. Israel ist ein großes, heiliges Volk, solange es mit Ernst und Eifer in der Thora forscht."