Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1879)
- Date
- 1879-09-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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999 Diese Topfguckerei ist gewiß höchst interessant; nun sage man noch, die Reform sei frei von Fanatismus , wenn sie sich nicht zurückhalten kann, die Küchen zu mustern, ob auch da Alles fein säuberlich reformirt sei? Wenn es noch wenigstens das leidige Geld gewesen wäre, um dessentwillen Z. den Koscheresser gespielt hätte, das hätte ihm G. verziehen, soll er ja selbst die „äußeren Vorschriften" sein ganzes Leben hindurch geübt haben, wie der Herausgeber der Briefe bemerkt (S. 279), aber principiell koscher zu essen, — schrecklich! Nun ist Zunz gerade nicht der Mann pastoraler Klugheit, was er thut und spricht, ist der Ausfluß innerster Ueberzeugung, sein Charakter ist intact, und auch der Gegner muß in ihm den überzeugungstrenen Mann ehren, der über die Verdächtigung, anders zu scheinen als er denkt, thurmhoch erhaben ist. Und darum ist die Antwort, die Zunz nicht schuldig geblieben ist, von so großer Bedeutung. (Fortsetzung folgt,) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oesterr. - Ungarische Monarchie. Homonna (Oberungarn), im August. Als ich vor einigen Jahren die Provinz Hessen besuchte, brachte ich in diesen Blättern einen Bericht über meine Reiseeindrücke und brach ab, als wir über die religiösen Verhältnisse Hessens zu sprechen hatten. Ich mochte nicht gern das Wirken eines jungen Doctors in der Hauptstadt dieser Provinz zum Gegenstand einer Besprechung machen, damit man mich nicht beschuldige, ich, der Fremde, mische mich in einheimische Verhältnisse. Heute, da Herr vr. Ehrmann einem Rufe als Rabbiner nach Trier gefolgt ist, wollen Sie gestatten, daß ich die in meinem Tagebuche befindlichen Notizen, insoferr.e sie das Wirken dieses Mannes zum Gegenstände ihrer Besprechung machen, in diesen Blättern mittheile. „Wir befinden uns in Cassel. Aufmerksam auf Herrn vr. Ehr mann von einer ru.s befreundeten Familie gemacht, suchten wir an einem Freitage in Begleitung einer seiner Schülerinnen diesen Herrn auf. In der Thal fanden wir das, was man uns schilderte: einen Mann voll Begeisterung und Hingebung für seinen Beruf, voll Feuereifer für das Wort Gottes. Der Empfang, der uns wurde, war anfangs kalt und wurde noch kälter, als wir erwähnten, daß wir unter dem Oberrabbi Löw in S. A. Ujhely gewirkt. Es mochte hier ein Mißverständniß obwalten, denn als wir den Namen Rabbi Jeremias Löw nannten, da war des Fragens »nd Redens kein Ende; Herr vr. E h r m a n n wollte nun Ausführliches üb?r den Enkel des npn jo» bya hören, über jenen Mann, zu dessen Füßen 150 Talmudjünger gesessen. In der Thal that es uns leid, so bald aufzubrechen, aber Tage lang stand dieser geniale junge Rabbi vor unserer Seele und erfreute uns das schöne Wirken dieses Mannes. „Unsere Kinder haben, seit sie die Religionsschule des Herrn Rabb. vr. Ehr mann besuchen, einen ganz andern Begriff vom Judenthum." sprach zu'mir eine befreundete Dame in Cass-l. „Ich bin nicht orthodox, aber ein solcher Unterricht, wie ihn Herr vr. Ehrmann gibt, sagt mir zu und ist ein Glück für meine Mädchen." „Es war .nH-n dis. Wir besuchten einen alten Onkel, der aus Niedenstein nach Cassel gezogen war. Es war längst Nacht, als der ältliche Herr anlangte und uns von den vorzüglichen Reden erzählte, die heute der Herr vr. Eh rma n n gehalten." In der Provinz fanden wir jüdisches Leben, gepaart mit Unwissenheit auf jüdischem Gebiete. Nur Religionsschulen im Geiste Ehrmann'S können diesem Uebel abhelfen und wünschen wir, daß die Saat, die der junge Rabbiner in Cassel gesäet, aufgeht und neue Kräfte im Geiste unserer Religion diesen Geist abermals beleben und weiter erhalten mögen. I. Rosenmeyer, Religionslehrer. Feuilleton. Zakoöine. Ein Lebensbild. Von Iriedrich Wott. XLYI. Mehrere Tage waren verstrichen; Jakobine begann bereits ungeduldig zu werden, daß sie von ihrem Verlobten noch keine Nachricht erhalten, als Mr. Goldsmith eines Morgens beim Frühstück ihr ein an sie gerichtetes Schreiben überreichte. Das Blut schoß ihr in die Wangen, sie hielt es für den ersten Brief des Geliebten. Auch Betti hegte die gleiche Vermuthung und ermunterte sie lächelnd, es ungesäumt zu öffnen. „Ich will nur einen flüchtigen Blick darauf werfen", murmelte Jakobine, und hastig zerriß sie das Couvert und entfaltete das in demselben enthaltene Blatt. Doch schon nach den ersten Zeilen, die sie gelesen, schwand das Lächeln von ihren Lippen, und alle Farbe wich aus ihrem Angesicht.