Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-09-10 · Heft 37 (10.9.1879) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 37 (10.9.1879)
Date
1879-09-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447834--16645-2472638
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

996 Ferdinand war ein musterhaftrr Ehegatte; zu achtzehn Jahren, anno 1521, hatte er die gleich ihm achtzehnjährige Prinzessin Anna, aus dem Geschlechts der Jagellonen geheirathet. Diese seine ebenso schöne wie liebenswürdige Gemahlin gebar ihm fünfzehn Kinder. Ferdinand war der treueste Gatte bis über das Grab hinaus. Als die Königin Anna nach 26jähriger, überaus glücklicher Ehe im Wochenbette starb, blieb Ferdinand ihr auch dann noch treu. Und wie er ein musterhaftes Eheleben führte, so war ihm jede Unsittlichkeit verhaßt. Er hat das auch dadurch bewiesen, daß er seinem zweiten Sohne, Ferdinand, wenn auch mit Widerstreben, gestattete, die Augsburger Patriciertochter Philippine Welser zur Gemahlin zu erheben. „Ich meine," sagte Ferdinand, „gehört zu haben, Prechter sei verheirathet." „„Allerdings ist er verheirathet und hat fünf Kinder!" „Schändlich! Welche Schmach, daß ein Mann solche Thaten begeht! Gibt es unter Euch Juden auch solche Menschen?" „„Nein, Majestät, Gott sei Dank, es gibt keine solche unter uns. Unsre Weisen deuten darauf einen Vers im hohen Liede; derselbe lautet: „Die Veilchen haben gegeben Duft, und an unfern Thüren alle Kostbarkeiten, neue und auch alte, mein Freund, habe ich Dir aufbewahrt." Die Veilchen, sagen sie, diese schönen, würzigen, im Verborgenen blühenden Blumen, das sind die Jünglinge Israels, denen die Wollust fremd geblieben; an unfern Thüren alle Kostbarkeiten — das sind Israels stttenreine Töchter, die durch ihre Liebe, und ihre Treue und alle Tugenden unsre Wohnungen freundlicher und glücklicher gestalten als alle Kostbarleiten der Welt es vermöchten. Und deshalb tragen wir freudig und gern alle die Einschränkung, die Gott uns auferlegt hat — neue und auch alte, mein Freund habe ich Dir aufbewahrt — nicht nur die alten Gesetze, Gebote und Verbote, die Gott uns vom Sinai herabgegeben, sondern auch die neuen, welche unsere Weisen eingerichtet haben, damit das Gottesgesetz selbst in der Verbannung und Zerstreuung uns erhalten bleibe. Uud dieses beglückende, reine und heilige Familienleben entschädigt uns reichlich für all die Entbehrungen, die wir ertragen müssen, tröstet uns und hält uns aufrecht in Armuth, Noth und Elend. Die Liebe der Gatten zu einander, die Ehrfurcht der Kinder vor den Eltern — das Alles kann uns Niemand rauben!"" „Du bist der einzige Jude, den ich kenne, Jofelin; es können wohl nicht alle Deine Brüder wie Du sein. In Spanien hat man mir schreckliche Dinge von den Juden erzählt." „„Dinge, Majestät, die unsre Feinde sich ersonnen haben. Ich bin der Geringsten einer, und es gibt Tausende unter meinen Brüdern, die unvergleichlich besser sind als ich, die in Noth und Mangel leben und dabei unablässig in der Lehre Gottes forschen."" „Warum habt Ihr Juden so lange gewartet; warum seid Ihr nicht gleich nach der Rückkehr Prechters zu mir gekommen, Euch zu beklagen." „„Ich bin gleich abgereist, Majestät; aber ich habe solange gebraucht, hierherzukommen; es ist ein weiter Weg, und ich bin zu Fuß herge« wandert."" „Und warum hast Du Dir nicht ein Pferd genommen?" „„Mein Pferd stürzte und verendete cm Anfänge meiner Reise, da that ich ein Gelübdc, den noch übrigen Weg zu Fuß zurückzulegen."" „Ich glaube Dir nicht, Joselin!" „„Majestät „Ich glaube Dir nicht, daß Du einer der Geringsten unter Deinen Brüdern bist und daß Tausende unvergleichlich besser seien als Du." „Majestät dürfen auch das mir glauben; er ist die volle Wahrheit."" „Wenn dem so ist, warum haben sie gerad« Dich zu ihrem Befehlshaber erwählt?" „„Nicht die Wahl meines Volkes, fonderi die Gnade des unvergeßlichen Kaisers Maximiliar hat mich Unwürdigen emporgehoben."" „Und Kaiser Carl hat ebenfalls den Unwüo digsten herausgesucht, um ihn als Befehlshabe und Regierer der Juden zu bestätigen. Nimv Dich in Acht, Joselin, Du beleidigst zwei groß Kaiser! Mein Bruder wird bald nach Deutschlav! zurückkehren; da werde ich Dich bei ihm verklage« Für jetzt magst Du nach Hanse zurückkehren un! morgen aus der Kanzelei die Ordonnanzen hole« welche die an Prechter gegebenen widerrufen!" „„Dank, Majestät." Ferdinand winkte mit der Hand, und Rabb Joselmann ging. (Fortsetzung folgt) Hierz« drei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Or. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger). n ti K ri C sc sc gl g« kc Ni Ui se ir ü! d< Ä so id still ül hi i® z> m m al 6' li 2) ir ir vi w 2 fo L B E w Ul w w L Nr. 37, S. 997/998 folgt erst nach S. 1002.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.