Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1879)
- Date
- 1879-09-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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995 bohrenden, Abgründe überbrückende«, kunstfertigen Hand der Neuzeit. Wo fetzt im Höllenthale das große Wasserschloß der Wiener Wasserleitung steht, verbrachte Rabbi Joselmann einsam den Fasttag des 9. Ab. ES war ein wilder schauerlicher Platz. Die hohen, steilen Felswände des Schneebergs und der Raxalp schließen das von der Schwarzau durchftrömte Thal ein. Da faß er, der einsame Wanderer. Er hatte seine Schuhe ausgezogen und laS weinend die Klagelieder um den Fall Jerusalems und die Schilderungen der mittelalterlichen Judenschlachten zu Syrier, WormS, Mainz, Köln und Frankfurt. Auch jetzt sollte ja wieder furchtbares Unglück die Söhne Jakobs bedrohen. Aus tiefstem Herzen betete der Einsame zu Gott, daß Er seine Mission gelingen und ihn Gunst finden lasse in den Augen des Erzherzogs Ferdinand. Wenige Tage nachher gelangte Rabbi Joselmann nach Bruck. Nicht weit von dem Orte, wo jetzt der Bahnhof sich befindet, ist eine Anhöhe, von der man aus die malerisch gelegene Stadt— am Einflüsse der Mürz in die Mur — überschauen kann. Stolz erhebt sich die alte, landesfürstliche Burg mit ihren romanischen Bogengängen. In dieser Burg hielt damals Erzherzog Ferdinand Hof. — Als Rabbi Joselmann dem Erzherzoge gemeldet wurde, befahl dieser, ihn gleich vörzulassen und empfing ihn sehr freundlich. „Willkommen, Joselin," rief ihm der Erzherzog entgegen, „was führt Dich zu mir! Bist Du, der Du in Worms neben dem mächtigsten Herrscher der Welt einherrittest, nicht zu stolz, einen armen Erzherzog in diesem entlegenen Winkel des Reichs aufzusuchen?" „ „Eure Majestät geruhen zu scherzen!" " antwortete Rabbi Joselmann, sich tief verneigend. „Majestät? Was redest Du, Joselin! Ich heiße nur, Hoheit. Wenn mein Bruder Carl Dich hörte, könnte eS Dir und mir schlimm ergehen! Er ist so eifersüchtig auf diesen Titel!" „„Geruhen Eure Majestät mir allergnädigst diese Anrede zu gestatten; ich werde sie vor unserm erhabenen Kaiser zu verantworten wissen. Ich weiß. Laß Allerhöchst dessen Intentionen dahin gehen, seinen vielgeliebten Bruder zum Römischen König wählen zu lassen."" „Ha, daS wäre! Da weißt Du wchr als ich! Erzähle, worauf gründet sich diese Deine Vermuthung?" „ ».Ich wurde in Worms zum Kaiser befohlen. Seine Majestät war in eifriger Unterhaltung mit dem Kurfürsten von Mainz begriffen und schien meinen Eintritt nicht zu bemerken; wenigstens ließ sich der Kaiser in seiner Unterhaltung nicht stören. „Alberte", hörte ich Seine Majestät sagen, „ich werde lange Zeit von Deutschland fern bleiben müssen; da werde ich meinen Bruder zum Statthalter ernennen; da kann er sich einstweilen in die deutschen Angelegenheiten hineinleben; denn ich habe die Absicht, die deutschen Fürsten zu veranlassen, den Erzherzog zum Römischen König zu wählen. Es ist nicht gut, daß zu viel Länder in einer Hand vereinigt sein, und wenn mir Gott einen Sohn schenken wird, so mag dieser sich an Spanien, den Niederlanden und meinen andern Ländern genügen lassen; die österreichischen Erblande, sowie Böhmen und Ungarn, auch die Anwartschaft auf die deutsche Kaiserkrone mag mein Bruder erhalten, damit auch er der Gründer eines mächtigen Herrscherhauses werde." So sprach seine Majestät; dann brach der Kaiser ab und richtete das Wort an mich; und deßhalb habe ich es gewagt. Eure Majestät so anzureden wie ich gethan."" Rabbi Joselmann schwieg; auch der Erzherzog sprach nichts; er verfiel in tiefes Nachdenken. Die wichtigen Nachrichten, die er eben erhalten, waren ihm ganz neu. Kaiser Carl, verschlossen, wie er stets war, hatte ihm nicht die geringste Andeutung darüber gegeben. „Ich danke Dir, Joselin," sagte Ferdinand nach einer langen Pause, „für die guten Nachrichten, die Du mir gebracht. Bist Du eigens hergekommen. um mir das Alles mitzutheilen?" „„Nein, Majestät, ich bin gekommen, mich Eurer Majestät zu Füßen zu werfen und für mich und meine Brüder zu flehen! Was haben wir unglücklichen Juden im Elsaß verbrochen, daß man uns aus unsrer Heimath vertreiben will?"" „Wer will Euch vertreiben?" „„Der Ritter Prechter von Hochfelden . . „Ach ja, ich besinne mich; er hat die Juden angeklagt, daß sie am Bauernaufstände Theil genommen, die geraubten Schätze für einen Spottpreis angekauft hätten." , „ES ist eine bitterböse Verleumdung, Majestät. Wohl haben einzelne Juden Einiges gekauft — aber, was wäre Ihnen geschehen, wenn sie es nicht gethan hatten? Hätten die Bauern sie nicht gespießt! Nein, Majestät, im Großen und Ganzen haben sich die Juden fern von den aufständischen Bauern gehalten und haben niemals gemeinsame Sache mit ihnen gemacht."" »Wenn dem so ist, warum hat Prechter Euch angeklagt?" „„Er will sich an den Juden rächen, Majestät. Er hatte eine schöne Judenmaid geraubt und sie auf seinem Schlosse Hochfelden geborgen. Drm Vater und dem Bräutigam ist es gelungen, ihm die Maid zu entführen und mit ihr zu entfliehen."