Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1879)
- Date
- 1879-09-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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994 stand der Ungewißheit, in dem wir uns seit einiger Zeit befinden, fügt uns in jeder Hinsicht große Nachtheile zu. Iw Innern ist die öffentliche Meinung aufgeregt und verbittert, und anstatt sich mit nützlichen Arbeiten zu beschäftigen, welche die Wohlfahrt der Bevölkerung fördern, ereifert sie sich in unglückseligen Kämpfen, deren Ausgangspunkte — sagen wir eS gerade heraus — viel mehr das Partei-Interesse und Machtverlangen ist, als patriotische Beforgniß für die Interessen des Landes. Gegenüber dem AuSlande machen diese Kämpfe den ungünstigsten Eindruck. Eine Nation von so vielen Millionen Seelen, die sich das Ansehen gibt, als glaube sie, daß sie zu Grunde gehen werde, wenn sie das Bürgerrecht einigen Hunderten von jenen Israeliten verleiht, welche bewiesen haben, daß ihre Interessen mit den unserigen identisch sind, empfiehlt sich nicht in den Augen der Welt und erweckt keine große Meinung über sich selber. Ebensowenig geschieht dies dadurch, wenn sie, anstatt sich dem collectiven Willen Europas zu fügen oder ehrlich zu widersetzen, denselben durch byzantinische Schliche zu umgeben sucht. Auch müssen wir uns hüten, dem Schicksale zu verfallen, welches Polen ereilte, das an seinem Parreihader zu Grunde ging. Der gegenwärtige Zustand darf nicht länger andauern, denn sonst riskiren wir, Alles zu verlieren, was die rumänische Nation in den Augen der ganzen Welt durch die Lebenskraft, die Tapferkeit und Vaterlandsliebe gewonnen, von welchen sie im letzten Kriege glänzende Beweise gegeben hat. Es wäre traurig, wenn das, was die Tapferkeit unserer Soldaten um den Preis ihres edelsten Blutes errungen hat, wegen einiger Leute verloren ginge, welche weder ihr Leben, noch ihre Stellung, noch ihren Reichthum auf's Spiel setzten, sondern selbst ihre Vergnügungen, und ihre Abendspazierfahrten auf der „Chaussee" nicht aufgegeben haben. Alle Leidenschaften, aller Ehrgeiz müssen ebenso wie die guten Absichten und aufrichtigen Bestrebungen endlich einmal an's Ziel gelangen, und dafür ist der Augenblick gekommen, sobald Herr Boerescu aus dem Auslande nach Bukarest zurückgekehrt sein wird. Es gab Viele, welche glaubten, daß von den Mächten auf dem Wege der Concessionen etwas zu erreichen wäre; es gab Einige, welche noch mehr von einer Mission des Herrn Boerescu bei den auswärtigen Cabinetten erhofften, als von einem Minister, welcher der national-liberalen Partei angehört hätte. Nun gut, über diese Erwartungen und Hoffnungen wird die Rückkehr des Herrn Boerescu demnächst Licht verbreiten, und dann muß ein Entschluß gefaßt werden. Wir hoffen, daß die Intelligenz und Voraussicht der Nation über die Leidenschaften und den persönlichen Ehrgeiz den Sieg davontragen werden, sowie daß der zu fassende Entschluß klar und deutlich und geeignet sein wird, die Lage Rumäniens in jeder Hinsicht zu kräftigen. Was uns betrifft, so sind wir mehr als jemals der Ansicht, daß eine Lösung, welche den Willen Europa's zu umgehen sucht — etwa wie sie die Minorität der Delegirten der Kammern vargeschlagen hatte — keine Lösung der Frage, sondern nur geeignet ist, Rumänien in die ernstesten und gefährlichsten Verwicklungen zu stürzen." Man darf wohl mit Sicherheit annehmen, daß ein Journal wie Romanul, deffen Eigenthümer einer der einflußreichsten und geachteflen Männer (Kammerpräsident Rosetti) im ganzen Lande ist, über die Erfolge der Mission des Herrn BoereScu bereits genau unterrichtet ist, so daß die vorstehenden Auslassungen des Romanul bessere Aufschlüffe über den Erfolg von Boerescu's Reise geben, als die zahlreichen Telegramme der verschiedenen Correspondenz-Bureaux. welche melden, daß der rumänische Minister an diesem oder jenem Hofe eine gute Aufnahme gefunden, und daß er mit diesem oder jenem Staatsmanne in vollkommenster Harmonie — zu Mittag gegessen hätte. Feuilleton. Aabbi Ioselmann von Uosheim. Eine historische Erzählung. (Zweites Buch.) VI. Es war eine wahrhafte Bußfahrt, die Rabbi Ioselmann jetzt unternahm. Anfangs erschienen ihm die Fußreise und die ungewohnte Last fast unerträglich. Allmählich gewöhnte er sich daran. An keinem Orte, an welchem er bei Glaubensgeuossen einkehrte, nannte er seinen Namen, um allen Ehrenbezeugungen und Zuvorkommenheiten auS dem Wege zu gehen. Aber lange, lange währte die Reise. Endlich erblickte er die Thürme von Wien; er trat nicht in die Stadt ein, in der damals keine Juden wohnten. Dann ging er weiter nach Wiener Neustadt und von da nach Gloggnitz, wo heutzutage die Semmeringbahn die staunende Bewunderung der Reisenden erregt. Damals war das Gebirge noch unberührt von der Berge durch-