Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1879)
- Date
- 1879-09-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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990 hung der Mädchen. Mit der religiösen Erziehung, die wir einem Mädchen angedeihen lassen, säen wir ein Saatkorn in den Schoß der Zukunft, das für Generationen zum Heile sich entfalten kann. Sind diese Gedanken nun auf alle Kreise, in denen man für Religion Sinn hat, ob jüdische oder nichljüdische zutreffend, so ist wegen der Sonderart der jüdischen Religion im jüdischen Kreise die religiöse Erziehung des weiblichen Geschlechts von besonderer Bedeutung. Die jüdische Religion fordert zu jeder Zeit und in allen Verhältnissen Pflichterfüllung, die einfachste That wird zur Ausübung einer Pflicht, und die Gewissenhaftigkeit, mit welcher die jüdische Mutter über die richtige Ausführung aller Obliegenheiten im Hause wacht, wie es nicht ihr erstes Anliegen ist, daß aus der Küche Schmackhaftes auf den Tisch gefördert, sondern Solches, das in erster Linie den Anforderungen des jüdischen Gesetzes Rechnung trägt: das ist dem Kinde ein lebendiges Bild treuer Pflichterfüllung, das tiefer wirkt und mehr lehrt als die schönsten Erbauungs- und Andachtsstunden. Mit dieser ihrer praktischen Thätigkeil wird die religiöse Mutter auch durch mündliche Belehrung und Erzählung auf Geist und Gemüth ihres Kindes zu wirken suchen, sie wird es namentlich bei dem noch kleinen Kinde besser thun können als der Vater, da sie sich mit mehr Ausdauer und Liebe besser in die Anschauung und den Begriffskreis des Kindes zu versetzen vermag, und mit mehr Geduld auf die vielen Fragen des Kindes einzugehen bereit ist. Da aber auch im Verkehr des Kindes mit der Mutter dieses sich offen und frei äußert, so wird hier keine Scheu dasselbe zurückhalten, nach Bedeutung religiöser Vorgänge im Hause, wie z. B. der Art und Weise der Begehung der Festtage u. dgl. zu fragen und so kann hier schon der Grund gelegt werden, eine Einsicht rn die tiefe Bedeutung religiöser Vorgänge zu eröffnen, die dem Kind jedes Gebot als etwas Lebendiges nicht als äußerliche That erkennen läßt, eine Anleitung, welche für die Hochschätzung der Gesetze im Leben, sobald auf dieser Grundlage durch den wirklichen Unterricht der Gesichtskreis immer weiter geworden, von höchster Bedeutung ist. „Das Haus das ist die Frau." Wie von weittragender Bedeutung die religiöse Erziehung des Mädchens für ihren einstigen Beruf als Mutter ist, so auch für den als Hausfrau eines jüdischen Hauses. Die Verantwortung für die gesetzlich jüdische Leitung des Hauses ist in ihre Hand gegeben, und um den vielfachen Anforderungen, die das Gesetz in Bezug auf Kaschruth an sie stellt, zu genügen, reicht nicht die allgemeine Bekanntschaft mit koscher und trepha aus, eS muß auch die Liebe für das Gesetz da sein, welche allein im Stande ist, alle die Schwierigkeiten zu besiegen, die in diesen Beziehungen nicht selten sich dem Wirken der Hausfrau entgegenstellen, und welche die Opfer an Ruhe und Bequemlichkeit, die, wenn Alles streng beobachtet werden soll, gebracht werden müssen, gern bringt. Aber auch die hohe und heilige Bedeutung des Gesetzes muß erkannt sein, wenn man mit scharfem Auge darüber wachen soll, daß auch das gelingst Scheinende sich nicht der Beobachtung und Wachsamkeit entzieht. Endliä) drückt aber auch das Wort: „das Haus ist die Frau" den allgemein menschlichen Gedanken aus, daß erst durch sie das Heim zu einem wahrhaft traulichen geschaffen wird. Gottergebenheit und Gottvertrauen werden durch die Religion gepflegt, diese aber in dem von Gemüth reichen Frauenherzen aufgegangen, erlangen eine ungeahnte Innigkeit und Festigkeit, welche alles Schwere überwindet und auch, was oft am schwierigsten ist, das Glück mit Ruhe und Besonnenheit trägt. Das kleinste Gelingen wird zum Quell unsäglicher Dankbarkeit gegen Gott und das Mißlingen verliert sein Herbes durch das Vertrauen auf Gott. Die Frau, in deren Jugend das Herz durch die religiöse Erziehung mit Vertrauen auf Gott erfüllt worden ist. wird bei unangenehmen Erfahrungen, die der Mann in seinem Geschäftsleben macht, nicht in den wenigen Stunden häuslichen Beisammenseins durch Klagen und Jammern noch mehr das Herz des Mannes beschweren, sie wird vielmehr ihn aufzurichten und zu erheitern suchen, ihr frommes Herz wird dem Manne Hall- und Stützpunkt geben, und erleichtert athmet er in der kurzen Muße des häuslichen Beisammenseins auf, wenn er sieht, daß er hier nicht allein Ruhe, sondern noch Ermunterung und verständnißinnize Theilnahme findet. Wie mancher Mann ist nicht schon durch die fromme liebende Frau vor unbesonnenen und verzweifelten Schritten geschützt worden! Frommer Frauen Verdienst war eS, sagen unsere Weisen, daß unsere Voreltern auS Egypten befreit wurden. Daß trotz egyptischer Sklaverei unsere Voreltern im Herzen und Geiste freie Männer geblieben, daß sie nicht in der Mehrzahl untergegangen, sondern a'j'isa, eine eigenartige Volksklasse, blieben, denen das Andenken an ihre großen Ahnen Abraham, Jsaac und Jacob nicht schwand, das hatten sie ihren frommen Frauen zu verdanken, deren Liebe ihnen die von Arbeit freie Zeit versüßte, und die ihre Kinder stets auf ihre große Vergangenheit hinwiesen und sie mit der Hoffnung für eine bessere Zukunft erfüllten.