Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1879)
- Date
- 1879-09-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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968 hatte sich ihr als Arthurs Freund vorgestellt, daS genügte, ihm ihre Aufmerksamkeit zu sichern und außerdem hoffte sie auch, durch ihn die bewußte Liebesgabe ihres Verlobten zu erhalten. „Ich habe Ihnen viele Grüße von Ihrem Herrn Kohn zu bestellen, Miß Lenz — und noch was Schönes dazu — ein kostbares Präsent von Ihrem Bräutigam, Miß — warten Sie' mal, wo habe ich es denn? —" Er griff in seine Westentasche — es war nicht da — er durchsuchte sämmtliche Taschen seines Salonrockes — das erwartete Etui kam nicht zum Vorschein. — „Ah, ich weiß schon, wo es ist, ich hab'S in meinen andern Rock gesteckt. Nichts für ungut, Miß Lenz, daß Sie so lange darauf warten müssen — aber sorgen Sie nicht, morgen in aller Frühe, noch bevor ich in's Geschäft gehe, mache ich einen Sprung herauf zu Ihnen, Miß, und bringe es Ihnen. Sie sind um neun Uhr doch schon auf, Miß Lenz? Daß ich's Ihnen selber übergeben kann. Denn das muß ich, ich hab's Ihrem Herrn Kohn versprochen." Jakobine versicherte. daß sie jederzeit bereit sein werde, ihn zu empfangen. Rosenblüh erwiederte mit einer abermaligen tiefen Verneigung. „Ach, Miß Lenz! wenn Sie nur wissen möchten wie Unsereiner sich schinden und plagen muß — Ihr Zorn möchte nicht entbrennen über die Nachlässigkeit Ihres unterthänigen Dieners." „Mr. Rosenblüh ist in der That den ganzen Tag sehr beschäftigt", bemerkte Mr. Green mit einem zweideutigen Lächeln. „Beschäftigt?" fiel Rosenblüh ein, „wie heißt beschäftigt? — von Früh bis in die Nacht eine Hetz — da ist Ihr Herr Kohn schon weit besser daran, der hat Masel —" „Sie sind mit Herrn Kohn schon seit längerer Zeit befreundet?" fragte Jakobine, um nur etwas zu fragen, denn die Unterhaltung mit dem eigentümlichen Kauz wollte ihr durchaus nicht behagen. „Befreundet?" fragte Rosenblüh, „wie heißt befreundet? — Zusammen sind wir rübergekommen von Hamburg her und auf dem Schiff haben die Leute uns immer geheißen Pastor und Collux — wissen Sie, Miß, weil wir immer haben zusammengehalten wie zwei Brüder " „Castor und Pollux wollten Sie sagen", bemerkt Mr. Green. Chad Schmu an Thun", entgegnete Rosenblüh achselzuckend, „wegen meiner Castor und Pollux." „Sie sind ein geborner Deutscher, Mr. Rosenblüh?" „Seien Sie gesund, Miß Lenz; hier in New- Iork meint ein Jeder, ich war* ein Deutscher und drüben in Deutschland haben sie gemeint, ich wär' ein Engländer." „Und zu welcher Nationalität rechnen Sie sich?" „Ich muß Ihnen sagen. Miß Lenz — mein Vater selig hat gewohnt in Brodi — Brodi — wissen Sie liegt in Galizien — und Galizien liegt in Oesterreich und Oesterreich hat einstmals gehört zu Deutschland. — Also haben Sie recht, Miß — ich bin ein Deutscher." „Doch wohl eigentlich ein Pole", meinte Mr. Green. „Pole? — wegen meiner Pole. Wissen Sie, Miß Lenz, Mr. Green ist auch gerecht. Meine Wiege ist gestanden in Polen, aber meine Bildung habe ich mir angeeignet in Deutschland. — Haben Sie gelesen, Miß, den berühmten Dichter, was ist gestorben im vorigen Jahr — wie heißt er doch gleich? — Hack — Hack. — Er ist gewesen was Großes beim Hof —" „Meinen Sie vielleicht Hackländer?" „Hackländer! — recht haben Sie, Miß — Hackländer hat er geheißen; und geschrieben hat er — geschrieben — alle seine Romane habe ich gelesen. — Denn der hat mir aus der Seele rausgeschrieben — oftmals hätte ich schwören mögen, ich selber hätt's geschrieben. Aber wissen Sie, was mir am Besten gefallen hat von ihm? — Ein Augenblick des Glück's. Ist das geschrieben! — Wenn Sie wissen wollen, wie ich denk', so lesen Sie nur den Augenblick des Glück's — öccurat so denke ich — und wenn's dazu kommt, daß auch für mich der Augenblick des Glück's kommt, so laß' ich ihn nicht aus — ich nehme ihn beim Schopf, verlassen Sie sich darauf!" Jakobine begann, sich in dieser eigenthümlichen Unterhaltung zu amüsiren. Arthur hatte ihr den Ueberbringer seines Geschenkes als seinen Freund bezeichnet, sie hielt Rosenblüh trotz seines wenig empfehlenden Wesens für einen braven ordentlichen Charakter und in dem Bestreben, ihn seine Unbeholfenheit nicht empfinden zu lassen, plauderte sie munter mit ihm drauf los. Mr. Green schien jedoch an diesen Gesprächen wenig Gefallen zu finden; früher als er es sonst wohl beabsichtigt hatte, stand er auf. „Es wird Zeit, daß ich heim komme, gehen Sie mit, Mr. Rosenblüh? wir haben einen Weg." Rosenblüh hätte eS zwar vorgezogen, mit der reizenden Braut seines Freundes noch ein Stündchen zu plaudern; doch er wußte nicht, ob der Anstand es erlaube, der ihm gewordenen Aufforderung nicht zu entsprechen; und es war ihm