Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1879)
- Date
- 1879-09-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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964 leistet und gesprochen: „Ich bin oft genug für meine Bruder eingetreten; diesmal mögen Andere in den Riß treten."? Gewaltsam schüttelte Rabbi Joselmann die bösen Gedanken ab; er legte den Mantelsack nieder, hob die Hände gen Himmel und sprach: „Herr, mein Gott, verzeihe mir die sündigen Gedanken. Was Du thnst, es ist ja zum Guten; was Du auch über mich verhängen magst — Dein heiliger Wille geschehe!" Da fiel ein Sckuß, und Rabbi Joselmann sah, wie — die Landstraße ging bergabwärts — der Junker Späth von Hornberg vom Pferde stürzte. Wilde Gestalten brachen öuS dem Hinterhalte hervor, sich des herrenlosen Pferdes bemächtigend. „Räuber!" sprach Rabbi Joselmann und wollte seitwärts in die Büsche abbiegen, um sich zu verstecken. Aber schon war er bemerkt worden. „Halt, halt!" tönte eS von unten herauf. An Entkommen war nicht zu denken. Rabbi Joselmann blieb stehen; zehn, zwölf Bewaffnete stürm» ten den Berg heran. „Her mit dem Mantelsack!" schrie der Erste, der ihn erreichte. Rabbi Joselmann gab den Mantelsack ab. „Dein Geld!" schrie der zweite der Herankommenden. Rabbi Joselmann löste den Geldgurt von seinem Leibe und7gab ihn den Räubern. ( „Wer bist Du?" fragte der Dritte. „Wird > es sich lohnen, Dich gefangen zu halten? Wird j es ein gutes Lösegeld geben?" j Einen Augenblick lang wollte Rabbi Josel-! mann einen unbekannten Namen nennen, in der! Hoffnung, dann eher freigelassen zu werden. Aber , nur einen Augenblick. „Nein", sprach er in seinem j Herzen, „Wahrheit ist das Sigel Gottes; auch! Räubern gegenüber soll keine Lüge meinen Mund I entstellen. z „Ich heiße Joselin", sagte er, „und bin aus j Rosheim im Elsaß."! „Hei", rief der Räuber dem herankommenden i Anführer zu, „Hauptmann, das ist ein kostbarer! Vogel, den wir gefangen: den Befehlshaber und I Regierer, den König der Juden! das wird ein j gutes Lösegeld setzen!"! „Wie", sagte der Hauptmann,^ „Ihr seid es! Joselin? Schaut mich an, kennt Ihr mich noch?" j Verwundert blickte Rabbi Joselmann auf die! mächtige Gestalt des Hauptmannes. „Ihr seid der Apostel", sagie er, „aus der Kapelle bei Altdorf." „„Richtig, richtigl Und wie kommt Ihr hierher und zu Fuß?"" „Mein Pferd ist gefallen, so mußte ich zu Fuß weiter wandern." „„Das ist Euer Glück; denn wir schießen die Reiter nieder, die an unserm Hinterhalt vorübersprengen."" „O Gott, mein Gott, dachte Rabbi Joselmann, und ich wollte gegen Dich murren, weil mein Pferd gefallen und die ungewohnte Last meines Mantelsackes mir die Schultern zerdrückte! So will ich denn den Mantelsack bis nach Bruck tragen und den weiten Weg zu Fuß zurücklegen. Das sei mir Strafe für meine sündigen Gedanken. Was Du thust, mein Gott, ist zum Guten! Du hast mein Pferd straucheln und fallen lassen, um mir das Leben zu retten!" „Diesem da", sprach der Hauptmann zu den Räubern, „darf kein Haar gekrümmt werden. Gebt ihm seinen Mantelsack wieder und sein Geld und lasset ihn in Frieden ziehen! Gern würde ich Euch, Joselin, das Pferd des Junkers von Späth, den wir eben niederschossen, überlassen. Allein, ich fürchte, es könnte erkannt werden und Euch in Unannehmlichkeiten verwickeln. So zieht in Frieden Eure Straße!" „Hauptmann", sagte einer der Räuber, „und wenn nun der Jude uns verräth und uns die Landsknechte auf den Hals schickt?" „„Derwird uns nicht verrathen; dafür bürge ich"", sagte der Hauptmann. „Habet Dank", sprach Rabbi Joselmann, dem Hauptmann die Hand reichend, „was soll ich Euch wünschen? Glück in Eurem Räuberhondwerke? Das bringe ich nicht übers Herz!" „„Wünscht mir, daß es mir gelinge, mit den Meinigen zu Kaiser Carolas Heer zu gelangen und dort Kriegsdienste zu nehmen!"" „Das wünsche ich Euch von Herzen. Möget Ihr das Räuberhandwerk aufgeben und wackere, ehrliche Kriegsknechte werden!" Die beiden Männer schüttelten sich die Hände, und Rabbi Joselmann zog, seinen Mantelsack schleppend, die Straße hinab, immer weiter nach Osten bis an die Ufer der Mur. (Fortsetzung folgt.) Hierzu fünf Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).