Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1879)
- Date
- 1879-09-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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963 )em Geschlechte derer von Berlichingen, zum Danke ür seine glückliche Rückkehr aus dem heiligen ^ande eine Kapelle erbaut und darin ein Bild, )as er aus Palästina mitgebracht hatte, ausgestellt; )m Laufe der Jahrhunderte war das Bild in den i liuf der Wunderlhatigkeit gekommen, so daß die i Kapelle ein Wallfahrtsort für die Bewohner deS > ienachbarten Odenwaldes und des KraichgaueS j geworden war; ein Glöckner, verpflichtet, jede lkacht um elf Uhr das Glöckchen des Thurmes zu ziehen, wohnte unfern der Kapelle in einem Hütthen am Bergabhange. Die Straße führte hier wrbei; aber der einsame Reiter, der daherritt, 10g vom Wege ab, um die Kapelle zu vermeiden, )amit er nicht gezwungen werde, vor dem Bilde ich zu verneigen und das Haupt zu entblößen, über der Umweg hatte große Schwierigkeiten; Aeftrüpp bedeckte den Boden; das Pferd des Leiters strauchelte und fiel, seinen Herrn abwerend. Betäubt lag dieser einige Minuten auf der Lrde; dann erhob er sich mühsam, reckte und streckte >ie Glieder und gewahrte mit Entzücken, daß er ich keine Verletzung zugezogen. „Gelobt sei Gott", sprach Rabbi Joselmann — denn Niemand anders als der Befehlshaber »er Juden war der einsame Reiter — „gelobt sei Sott, der mich behütet und beschützt hat!" Dann näherte er sich dem Pferde, das ruhig »alag „Steh auf. Brauner", rief ihm Rabbi Joselnann zu, „schon senkt sich die Sonne nach Westen, >nd ich muß eilen, um noch bei Tag einen bevohnten Ort zu erreichen." Das Thier regte sich nicht. Rabbi Joselnann sah zu seinem Schrecken, daß es im Sturze ick zu Tode verletzt hatte, und daß es, während r selbst betäubt dagelegen, verendet war. „So bist Du hin, Du treuer Begleiter, der nich so oft sicher und gut getragen! Ich muß Dich lier liegen lassen, den Wölfen des Waldes, den krähen und Raben der Lüfte zum Fräße — und ch muß zu Fuße weiter wandern und noch meinen chweren Mantelsack tragen!" Er schnallte diesen los und lud ihn auf die Schulter. Aber die schwere, ungewohnte Last »rückte ihn, als er mühsam dahinschritt, in der )itze des Tages, unter der Gluth der Sonnenlrahlen; denn, wiewohl die Sonne nicht mehr »och am Himmel stand, brannten ihre Strahlen >och mächtig. Und der Held unsrer Erzählung teht nicht mehr in der ersten Jugend! Unsre ge-! hrten Leser werden sich erinnern, daß. als wir ' ie mit Rabbi Joselmann bekannt machten, dieser ünfundzwanzig Jahre zählte. Das war im Jahre 503 während des ersten bayrischen Erbfolgekrieges; jetzt aber zählte man 1528; es waren also noch einmal 25 Jahre, thatenreiche Jahre, vergangen, und Rabbi Joselmann hatte das fünfzigste Jahr seines Alters überschritten. In Strömen rann der Schweiß von seiner Stirne; von Zeit zu Zeit legte der Wanderer den Mantelsack nieder und athmete schwer auf. „Ach'', sprach er seufzend, „daß auch mein gutes Pferd hat fallen und verenden müssen! Wo werde ich nun einen Roßtäuscher antresien. der mir ein gutes Reitpferd verkauft! Die Bauern sind mißtrauisch und verkaufen nicht gern ein Pferd an einen Unbekannten, und ein Edelmann gibt ein gutes Roß sobald nicht fort!" Seufzend lud er seinen Mantelsack wieder auf und schritt weiter. „Wenn nur der Mantrlsack nicht so schwer wäre und handlicher zum Tragen! Soll ich vielleicht etwas herausnehmen und es hier irgendwo verbergen? Aber ich wüßte nicht, was ich entbehren könnte; ich muß doch einen vollständigen Anzug bei mir haben, um würdig am Hofe des Erzherzogs erscheinen zu können!" Rabbi Joselmann war wieder auf die Landstraße eingebogen. Da hörte er den Hufschlag eines Pferdes. „Ha", dachte er, „da naht ein Reiter; vielleicht verkauft der mir sein Pferd oder nimmt gegen eine gute Belohnung meinen Mantelsack mit bis an den nächsten Ort!" Der Reiter ritt heran; es war seiner Kleidung nach zu urtheilen, ein Edelknecht. „Gnädiger Herr!" rief Rabbi Joselmann dem Herantrabenden zu. „Haltet ein wenig; ich habe mit Euch zu reden!" Der Reiter hielt sein Pferd an. „Ihr seid, wie mir das Wappen an Eurer Helmzinne sagt, der Junker Späth vom Hornberg", redete Rabbi Joselmann ihn an, „der gnädige Herr Vater kennt mich gut. Ich habe eine Bitte an Euch; mein Pferd ist mir gefallen, und mir wird es schwer, meinen Mantelsack zu tragen. Wollt Ihr die Gnade haben . . . ." Der Junker ließ ihn nicht auSreden. „Frecher Jude!" rief er und hieb ihm mit der Reitgerte über den Kopf; dann sprengte er von dannen. Betrübt ging Rabbi Joselmann weiter; der Hieb schmerzte ihn, der schwere Mantelsack drückte iym fast die Schulter ein, die Beine thaten ihm wehe vom Falle; dabei quälte ihn brennender Durst. Bittere Gedanken stiegen in ihm auf; mußte er denn, er allein sich aufopfern für das allgemeine Wohl? Warum hatte er diese gefährliche und beschwerliche Reise unternommen, warum hatte er den Bitten seiner Frau nicht Folge ge-