Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-09-03 · Heft 36 (3.9.1879) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 36 (3.9.1879)
Date
1879-09-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447833--16612-2472604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

961 vorstehenden neuen Kämpfe in den rumänischen Kammern und der diplomatischen Entscheidungen das Thatsächliche hervorzuhebcu. Zunächst ist immer wieder festzustellen, daß die sogenannte rumänische Judenfrage erst im Jahre 1866', als nach der Vertreibung Eusa's die Rumänen sich eine neue Verfassung gaben, künstlich in: Partei-Interesse geschaffen worden ist. Früher waren die Rumänen viel toleranter als heute. Schon in den fünfziger Jahren wurde die Leibeigenschaft der sehr zahlreichen Zigeuner aufgehoben, wurden die Bauern voul Frohndienste befreit. Von feindlichen Gefühlen der Landbevölkerung gegen die Juden war nichts zu hören und diese erfreuten sich sogar, sofern sie nur Steuern zahlten, allerMechte, welche die Einheimischen genossen: sie konnten in die Zünfte ausgenommen werden, unbewegliches Eigenthum, sofern dieses nicht mit Frohnd'iensten belastet war, erwerben, das Eommunalrecht ansüben und in der Armee bis zum Offizier avanciren — ja sie genossen sogar Privilegien, welche der Bauer- und Bürgerstand nicht hatte. Erst die neue Verfassung beraubte die Juden aller dieser Rechte, indem der vielgenannte Artikel 7 die Ausübung derselben an ein christliches Glaubensbekenntniß knüpfte. Spätere Edikte haben dann, als die Parteien sich die Juden-Emancipation als bequemes Mittel zu gegenseitiger Bekämpfung erwählten , immer größere Beschränkungen herbeigeführt, bis der Berliner Kongreß nothgedrungen die Aufhebung derselben für die Vorbedingung der Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens erklärte. Ein solches Verfahren war um so nothwendiger, als die rumänische Regierung selbst und noch heute ihren eigenen jüdischen Unterthauen keinen Schutz gewährt. Von glaubwürdiger Seite erhält die Wiener „Presse" Nachrichten über förmliche Judcnjagden sogar während der letzten Wochen. Auf Veranlassung von Präfekten oder Polizeichefs werden angesessene Leute aus ihren Wohnungen, Handwerker aus ihren Werkstätten herausgeholt, um wie Landstreicher gefesselt in langen Tagemärschen nach benachbarten Distriktsorten transportirt zu werden: selbst nach Bukarest sind bereits solche Transporte gekommen, und die rumänische Regierung wird daher nicht mehr behaupten können, daß es sich nur um ganz gewöhnliche Vagabunden handele. Die meisten sind rumänische Unterthanen, allein auch ein Oefterreicher soll einer solchen schmählichen Behandlung zum Opfer gefallen sein und nur der Verwendung des österreichischen Konsulats ist es zu danken, daß er befreit und andere seiner Leidensgenosseu in's — Hospital gebracht werden durften. Als von Seiten der rumänischen Regierung in allem Ernst auf die gefährlichen Folgen hingewiesen wurde, welche die plötzliche Emancipation einer halben Million Juden auf die Zusammensetzung der Kammern, die Lage der Landwirthe ec. haben würde, wurden selbst solche Politiker stutzig, welche principiell die Gleichstellung aller Rumänen billigten. In Wirklichkeit handelt es sich aber nur um 150,000 Juden — die übrigen sind Ansländer und kommen daher nicht in Betracht — und um höchstens 9000 Wähler, welche durch die vollständige und sofortige Emancipation dem rumänischen Staate zugesührt würden, und wenn dieser geringe Zuwachs angeblich staatsfeindlicher Elemente schon genügen würde, einen Staat von fünf Millionen Einwohnern ins Schwanken u bringen, dann hätte der Berliner Krongreß allerings euren argen Fehler begangen, als er die Unabhängigkeit Rumäniens proklamirte. Wenn man die Auslassungen der Gegner der Israeliten im Allgenreinen und der Parteigänger der rumänischen Negierung im Besonderem liest, müßte man allerdings annehmen, daß der bei weitem größte Theil der rumänischen Juden nur Schacher treibt, alle aber Wucherer sind. Ein Wunder wäre es freilich nicht, wenn dem so wäre, da die Israeliten sich weder mit politischer! Aenrtern noch mit dem Lehramt, der Advokatur, der Pachtung und dem Erwerb von Landgütern, der Anlage von Fabriken auf dem flachen Lande oder dem Handel mit gewissen Artikeln befassen dars, allein in ^Wirklichkeit liegen die Verhältnisse ganz anders, ^o betreiben, um nur ein Beispiel anzuführen, nach der osficiellen Statistik des Bürgermeisteramtes von Bukarest in dieser Stadt nicht weniger als 9336 Juden ein Handwerk gegenüber 1500 Rumänen. Andererseits unterliegt es keinem Zweifel, daß die Juden — trotz der entgegenstehenden gesetzlichen Beschränkungen — in jedem Geschäfte zu finden sind. In der Moldau gibt es kaum einen Grundbesitzer, bei welchem nicht ein Mann jüdischer Herkunft als Pächter oder Verwalter beschäftigt ist. Die Bojaren mußten seiner Zeit auch gezwungen werden, die Leibeigenschaft der Bauern aufzuheben und doch waren sie die ersten, welche durch diesen Wechsel gewannen, da der Werth des Landes bedeutend stieg. Dieselbe Erscheinung dürfte auch jetzt eintreten. Die jüdisschen Kapitalisten würden, wenn sie gesetzlich sicher gestellt werden, den Grundbesitzern unter leichteren Bedingungen Geld leihen, als dies jetzt der Fall ist, wo sie die legale Unsicherheit durch Wucherzinsen zu überwinden suchen. Außerdem wäre es gewiß kein Unglück, wenn die Landgüter einzelner verschuldeter nnd verschwenderischer Bojaren in die Hände derjenigen übergingen, welche ein .Interesse an der Verbesserung des Bodens mrd besserer Bcwirthschaftmxg überhaupt haben. Völlig verkehrt ist auch die Annahme, als ob alle rumänischen Großgrundbesitzer Verschwender sind. Tie große Masse derselben würde durch eine Emancipation der Juden ebensowenig in ihrem Güterbesitze gestört werden, wie die Bauern, welche mit dem Grund und Boden verwachsen sind und das Land, welches sie bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.