Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1879)
- Date
- 1879-09-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447833--16611-2472603- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
960 kannt haben wirst, die Holdheim, um sie zu widerlegen, aus meinem Prüsungsprogramme mitgetheilt hat. Gegenwärtig sind die abstrakten Theorien a 1a Rüge zu sehr im Schwünge." Was aber der eigentliche Grund ist, der G. die Trennung der Kirche vom Staate nicht wünschen läßt, das ist deutlich in einem Briefe an denselben unterm 31. 1. 49 gesagt: es ist die Furcht vor der Erstarkung der nicht mehr durch Staatsregierung unter die Vormundschaft neologer Vorstände gestellte Orthodoxie. „Da haben sie uns nun auch die Trennung der Kirche vom Staate", so heißt es im angeführten Briefe, „die vollständige gegenseitige Jgnorirung hingeworfen; diese Mißgeburt hat ultrademokratische Weisheit im Vereine mit dünkelhaftem Unglauben und katholischer Lift ausgeheckt.... .Wir besonders werden schwer daran zu verdauen haben .Unser Holdheim glaubte auch in ultrareformatorischem Eifer die Lostösung in Schutz nehmen zu müssen; ich fand mich nicht dazu berufen, ein Prediger in der Wüste zu sein und Worte in den Wind zu sprechen; vielleicht, daß ich in ruhigerer Zeit bas Wort wieder aufnehme. Die böse Bescheerung ist schon da. Bereits hat mir S. Adler sein Leid geklagt, die Orthodoxie ist störrisch geworden, sie will sich nicht mehr fügen, nicht mehr zahlen; Einhorn vertraut mir als Gcheimniß seine Besorgniß, daß cs mit feiner Stellung bald aus sein werde, die mühsam gepflegten Keime werden wild ausgejätet werden." Das ist des Pudels Kern! „Die Orthodoxie ist störriscy geworden, sie will sich nicht mehr fügen, nicht mehr zahlen!" Sie sangen ja, lange das Lied von der Freiheit, die Herren Weltenbeglücker, aber sie sangen: „Freiheit, die ich meine!" Als aber die Freiheit sich nicht in dem Gewände zeigte, wie sie sie meinten, sondern als Anläufe gemacht wurden, dieses Mädchen aus der Fremde jo auszuftartten, daß sie Jedem eine Gabe reichte, da suchte man zurückzudämmen, auf daß die Orthodoxie nicht störrisch werde und nicht aufhöre, statt Gaben zu empfangen, solche auszutheilen. Das wollte man nicht, daß auch die Orthodoxie sich ihrer Fessel entledigte und sich die Freiheit Herausnahme, nicht nach der Schablone zu denken, sondern ihre eigene Meinung zu haben. Als das welterlösende Wort gesetzlicher Freiheit erschallte, da wankten manche Rabdinatösitze bedenklich, Einhorn hat es gespürt und theilt es snd rosa seinem Herzensfreunde G. mit, der darin nur die Bestätigung alles dessen findet, was er bereits schon längst gedacht und gefühlt hat. Aber er gibt die Hoffnung nicht auf, „mag es auch trübe sein, es muß durchgemacht werden. Diese alten Gemeindeverbände mit ihren Schächtern und Badeanstalten, mit ihren alten Grundlagen und den verschiedenartigen, gewaltsam zusammengehaltenen Elementen müssen Zusammenstürzen, wenn ein frisches Leben endlich im Judenthum erblühen soll.Es muß die völlige Spaltung der zwei ungleichartigen Theile eintreten, und nur dann kann in dem einen, für Reform empfänglichen Theile, wenn auch nicht in jenem raschen Umschwünge, wie es unsere Wünsche fordern, wenn auch immmer mit vieler Vorsicht, das neue Leben gepflegt werden." Dieser Selbsttrost mit dem gläubigen Blicke in die Zukunft ist der Anfang der Verzweiflung am begonnenen Werk; da hat das Selbstvertrauen einen bedenklichen Stoß erhalten, wenn die Vorsicht gepredigt wird, nachdem man vorher schon so oft unvorsichtig gewesen ist. (Fortsetzung folgt.) Zeitrrrrgsnackrichten und Correspondenzen. Deutschland. Würzburg. 27. Aug. Der des Mordes an den Eheleuten Glaser dahier dringend verdächtigte, in der hiesigen Frohnseste detenirte Bäckergeselle Hollebar von Thüngersheim hat heute früh vor dem kgl. Untersuchungsrichter ein umfassendes Geständniß abgelegt. Frarrkfir*t <*. M , 25. Aug. Die „Franks. Zeitung" schreibt: Als die rumänischen' Kammern am 23. Juli auf einen Monat vertagt wurden, erklärte die Regierung in einer fürstlichen Botschaft, daß diese Frist nothwendig sei, um einerseits die Gemüther über Ziel und Zweck der Judenemaneipation zu beruhigen, anderseits den Unterzeichnern des Berliner Vertrages noch einmal Vorstellungen wegen der sofortigen Ausführung der diesbezüglichen Bestimmungen zu machen. Die Frist ist abgclausen, die Kammern sind wieder znsammengetreten, allein die Deputirtcn sollen aus den Provinzen in einer viel aufgeregteren Stimmung in die Hauptstadt zurückgekeljrt sein, als sie dieselbe vor vier Wochen verlassen haben und der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Bocrescn hat seine Rundreise durch die Hauptstädte Europas noch nicht beendet, wohl ein Beweis, daß seine Mission auf bedeutende Schwierigkeiten gestoßen ist, daß die Negierungen von Deutschland, Frankreich, England und Italien — die übrigen Unterzeichner des Berliner Vertrags haben bekanntlich bereits die Unabhängigkeit Rumäniens anerkannt — auch heute noch von der Nichtigkeit der in Berlin gefaßten Beschlüsse überzeugt sind. Die Streitschriften der rumänischen Regierung und mannigfache Uebertreibungen auf betheiligter jüdischer Seite haben die ganze Frage derart verwirrt, daß es sich wohl verlohnt, angesichts der be-