Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1879)
- Date
- 1879-09-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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958 VOn, Gemeinde Holland und Deutschland), um den Waizen von dem Agenten, Herrn Valero, in Empfang zu nehmen und den Verkauf desselben um den billigen Preis gewöhnlicher Jahre an die Bedürftigen zu veranlassen. Die Rabbinen jedoch haben es vorgezogen, jedem bbn einen Antheil zu verabreichen und es den Vorstehern der Kolalim zu überlassen, ihren Armen den Waizen zu billigem Preise zu verkaufen oder, wenn es die Verhältnisse dringend erheischen, denselben umsonst abzugeben. So schön das nun auch klingt, so steigen uns dagegen gerechte Bedenken auf. Zunächst ist es der ungewöhnlich große Antheil, welchen der Kolel V'n vorweggenommen, den wir hier rügen müssen. Diese kleine Gemeinde besteht aus circa 80 Personen (Personen, nicht Familien), beträgt also ungefähr ein halbes Procent der jüdischen Bevölkerung in Jerusalem. Diese wenigen Leute sind von allen Bewohnern der heiligen Stadt am Besten gestellt, weil ihnen von der Spendenvertheilung ein verhältnißmäßig großer Antheil zukömmt, und nun haben sie auch noch von dem Waizen, der doch in erster Linie dazu geschickt wurde, die Hungernden vom Hungertode zu retten, außer dem, was ihnen zukömmt, einen Extra-Antheil von 8 Procent gefordert und auch erhalten. Das heißt mit andern Worten: Diejenigen, die es am wenigsten bedürfen, haben, nach der Seelenzahl berechnet, ungefähr das Zwanzigfache von dem erhalten, was die Anderen bekommen!!! Wahrlich, das scheint uns weder recht, noch billig, noch im Sinne der Spender zu sein. Wenn es auch wahr ist. daß die Gemeinde „Holland und Deutschland" das nächste Anrecht auf die über Amsterdam gehenden Spenden hat, zumal dieselbe von den aus Rußland, Oesterreich- Ungarn rc. einlaufenden Spenden nichts erhält, so hätte doch dieses Vorrecht bei dieser Lebensmittelsendung nicht geltend gemacht, und jedenfalls nicht in so übermäßiger Weise geltend gemacht werden sollen! Jede Person aus der genannten Gemeinde hat circa 36 Kilo (12 Rötel) erhalten; rechnet man beispielsweise eine Familie zu acht Personen (Mann, Frau und 6 Kinder, denn auch der Säugling an der Mutterbrust wird für eine Person gerechnet), so hat also eine einzige Familie dieses bevorzugten Kolel 288 Kilo oder 576 Pfund des billigen'Waizens erhalten, während auf eine andere Familie von gleicher Personenzahl etwa 30 Pfund entfallen sind! Um ganz gerecht zu sein, wollen wir noch constatiren, daß allerdings der Kolel Hod durch jede Exirasammlung Schaden erleidet, weil dadurch die gewöhnlichen Spenden ('ww pa dho) benachtheiligt werden, indem bei außerordentlichen Sammlungen alle Gaben der Extrasammlung zuzufließen pflegen; aber außerordentliche Lagen erheischen auch außergewöhnliche Mittel, und die Mitglieder des Kolel Hod hätten, unsrer Ansicht nach, besser daran gethan, auf ihren Antheil an dem billigen Waizen ganz zu verzichten, als den Löwenantheil zu begehren. Ferner müssen wir noch hervorheben, daß der von den Herren Oberrabbinen in Jerusalem beliebte Modus noch den großen Nachtheil haben wird, daß weitere Getreidesendungen schwerlich ausführbar sein werden. Die Auslagen für die übersandten 40,000 Kilo betrugen Alles in Allem 12,500 Frs.; der Erlös in Jerusalem betrug 4400 Frs., also nur ein Drittel der vorgelegten Summe. Das ist ein ganz deprimirendes Resultat! Da wäre es besser gewesen, den Waizen gleich unentgeltlich zur Vertheilung zu bringen. Wenn beim Verkaufe unter dem Marktpreise etwa ein Drittel verloren würde, so hätte man Aussicht, die Getreidesendungen häufig zu wiederholen und dadurch den Kornwucherern ihr elendes Handwerk zu legen; wenn aber so unverhältnißmäßig wenig einkömmt, so müssen die Sendungen bald unterbleiben, und die Hungernden sehen einem entsetzlichen Winter entgegen. Wir sind fest überzeugt, daß die oben gerügten Uebelftände durch diese unsre öffentliche Mittheilung beseitigt werden. Die Sache ist eben noch neu, und die Erfahrung die beste Lehrmeisterin. — Wir sind von der Ansicht ausgegangen, daß es besser ist. wenn wir, die wir Jerusalem lieben und die wir den Brüdern, im heiligen Lande gern ausreichend helfen möchten, die Mängel veröffentlichen, als daß das von gehässiger und feindlicher Seite geschehe. Schließlich wollen wir noch bemerken, daß in Bezug auf die beregten Dinge das Comittz in Amsterdam kein Vorwurf trifft; dasselbe hatte Alles so angeordnet, wie es vernünftiger Weise hatte angeordnet werden müssen; daß man seinen Anordnungen nicht Folge geleistet, ist nicht seine Schuld. Hoffentlich wird die Opferwilligkeit der wohlthätigen Glanbensgenossen, das Comittz in den Stand setzen, aufs Neue Getreidesendungen nach Palästina zu veranlassen, die dann in untadelhafter Weise zur Vertheilung kommen werden.