Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1879)
- Date
- 1879-08-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447832--16590-2472553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
940 Sie dem Vater auferlrgen, der nach zwanzig Jahren zum ersten Mal sein Kind erblickt — und es nicht an sein Herz drücken darf. —" Er preßte die Hand an die Stirn, ein tiefer Seufzer hob seine Brust. „Ich kann heute nicht denken, — bin heute nicht im Stande, einen klaren Gedanken zu fassen — und darum muß ich vorläufig Ihrem Rathe folgen." „Sie sind sehr angegriffen Mr. Green", sagte James, „Sie werden heute schwerlich im Stande sein, Ihrem Bruder zu schreiben — ich hatte ohnehin beabsichtigt, in Angelegenheit Ihrer Tochter heute an ihn zu schreiben; wenn Sie mich bevollmächtigen, theile ich ihm gleichzeitig mit, daß seine Nichte ihren Vater hier gefunden und fordere ihn auf, die genauesten Nachrichten über seine Schwägerin mir sofort zu senden." Mr. Green war mit Allem einverstanden. „Und wann werde ich meine Tochter sehen? — O, Sie können es sich nicht denken. wie sehr ich mich nach ihr sehne. Bis zum heutigen Tag hatte ich zwar keine Ahnung, wie nahe sie mir steht, aber .in ihrem lieblichen Angesicht, in ihrem ganzen Sein und Wesen, liegt ein Etwas, das mich vom ersten Moment in einer Weise angeheimelt — und doch gleicht sie ihrer Mutter nicht —" „Das konnte ich mir denken", erwiederte James, „denn sie sieht ihrem Vater auffallend ähnlich." „Wirklich?" rief Mr. Green lebhaft, „finden Sie das in der That?" „In der That", versicherte James „Und nun Mr. Green — Sie sind augenblicklich zwar noch zu sehr erregt, doch wenn Sie Ihr Wort geben, ein paar Stunden zu ruhen und Ihre Aufregung soviel als möglich zu beherrschen, so werde ich mir das Vergnügen machen, den heutigen Abend mit meiner Frau und Miß Lenz bei Ihnen zu verbringen." Mr. Green ergriff die Hand seines Freundes und drückte sie heftig. „Dank", murmelte er, „Dank — aber Sie werden mit mir zufrieden sein — Sie werden keine Spur von Aufregung an mir bemerken." „So legen Sie sich vor Allem nieder." Mr. Green verspracht, und James entfernte sich, um vor Allem das bereits mehrfach erwähnte Schreiben an Benjamin Grünfeld zu senden. Inzwischen befanden sich die Verlobten im traulichen Gespräch im Salon der Mrs. Goldsmith. Kohn hatte in Folge einer empfangenen Depesche sich entschließen müssen, jene Reise, die er erst in der kommenden Woche beabsichtigt hatte, schon am heutigen Abend anzutreten. Betti hatte ihn aufgefordert, so lange als möglich bei seiner Brautzuverweilen. Und so saßen sie nun nebeneiander und machten Pläne für die gemeinsame Zukunft. Kohn hatte bereits erfahren , daß Jakobinens Name wieder rein und makellos und hatte bereits eingewilligt, daß das Ziel der Hochzeitsreise Europa sein solle. — Auch seine Heimath war ja dort, und so konnte er gleichzeitig seine reizende junge Frau seiner Familie vorftellen. — O, wie war sie so schön, so wunderbar schön. Das Glück, die Liebe schienen ihre Reize zu verdoppeln. Nur allzu rasch entflohen die herrlichen Stunden des Beisammenseins — ehe sie sich dessen versahen, nahte der Abend und Kohn mußte an seine Abreise denken. Es schien ihm unmöglich, sich von ihr zu trennen — und dennoch, die Zeit drängte, er mußte sie verlassen. Bevor er schied, zog er ein Etui aus der Tasche und reichte ihr einen prachtvollen Diamckntring. Nur ein großer, herrlich funkelnder Diamant von kostbarem Schliff, in dem die Lichtstrahlen blendend sich brachen. „Nimm ihn", bat er und ließ ihn an Jako^ binens Finger gleiten „und trage ihn zur Erinnerung an mich." „O wie schön! wie schön!" rief sie und hielt ihre Hand gegen das Licht. „Nicht zur Erinnerung an Dich, sondern zur Erinnerung an Deine Liebe will ich ihn unablässig tragen." Aber der Ring war zu weit für den schlanken Finger, eine unachtsame Bewegung, und er entglitt ihrer Hand. „O wie schade! wie schade!" ries sie bedauernd. Doch Kohn hatte ihn bereits vom Boden aufgehoben. „Der Ring ist zu groß für Deine kleine Hand, ich werde ihn enger machen lassen und Dir ihn morgen durch einen meiner Freunde zusenden." Jakobine wollte Einwendungen erheben, sie könne den Ring so tragen; doch Kohn hatte ihn bereits in das Etui zurückgegeben, am folgenden Tage werde sie ihn wieder erhalten. Es war indessen spät geworden, es mußte geschieden sein. — Der junge Mann eilte fort. Jakobine sah ihm nach, lange, lange, nachdem er längst ihren Blicken entschwunden und langsam stahl sich eine Thräne über ihre Wange hernieder. Doch sie trocknete sie rasch, als sie draußen Schritte vernahm; sie wollte nicht weinen, in wenigen Wochen kehrte der Geliebte ja wieder und dann würde sie sich ihm auf ewig vermählen. Betti trat in's Zimmer — James hatte ihr Mr. Green's Verwandtschaft zu ihrer Freundin mitgetheilt und auch den Wunsch desselben, die Tochter baldmöglichst zu sehen. „Der Bräutigam schon fort?" fragte sie, in-